Medien : Flucht in die Gedenk-Routine

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Herr Jörges, worüber haben Sie sich in der vergangenen Woche in den Medien geärgert?

Maßlos geärgert habe ich mich über die Gleichförmigkeit, mit der die Medien die Gedankenschere an die Rede des Bundespräsidenten zum 8. Mai angelegt haben. „Es gibt keinen Schlussstrich“, titelten fast alle meinungsbildenden Blätter am Tag danach. Das hat Horst Köhler zwar gesagt, aber das wollte er nicht sagen. Er sprach über die von den Deutschen nach dem Krieg unter Beweis gestellte „eigene Begabung zur Freiheit“ und bilanzierte: „Wir haben heute guten Grund, stolz auf unser Land zu sein.“ Die SchlussstrichHeadlines waren Flucht in Gedenk-Routine, vor der wiederum so viele Menschen flüchten.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?

Sandra Maischberger scheint in der ARD endlich ihre Form gefunden zu haben: eine monothematische, nachdenkliche Diskussion - o h n e Politiker. In dieser Woche über Krieg und Schuld mit dem beeindruckend differenzierenden KZ-Überlebenden Arno Lustiger, der unerträglich deutschnationalen Brigitte Seebacher-Brandt und dem neben ihr vor Zorn puterrot anlaufenden Dietmar Schönherr. Sehenswerter und lehrreicher als alle Gedenk-Veranstaltungen.

Hans-Ulrich Jörges

ist stellvertretender Chefredakteur,

Berliner Büroleiter

und Kolumnist des „Stern“

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