Fluchtdrama : Frei von der Leber weg

Der ARD-Film „Jenseits der Mauer“ beschreibt eine DDR, die es so nur im West-Fernsehen geben kann.

Kerstin Decker
302410_0_2201c1f0.jpg
Verwegener Plot: Die Molitors (Katja Flint, Edgar Selge) werden bei der Flucht in den Westen festgenommen – und dürfen später...WDR-Pressestelle/Fotoredaktion

„Zu keinem Zeitpunkt werden die Figuren jedoch bloßgestellt, insbesondere jene nicht, die in der DDR lebten“, sagt Autor Holger Karsten Schmidt. Ja, das ist aber schade.

Ein Mann steht Mitte der 70er Jahre in einem DDR-Kinderheim, sieht ein zweijähriges Mädchen, allein, abseits von den anderen und er weiß sofort: Die ist es! Herbert Knaup legt im ARD-Film „Jenseits der Mauer“ alle Wärme der Welt in den Blick seines kinderliebenden Stasi-Vernehmungsoffiziers Frank Pramann. Es ist der zweite Beginn einer glücklichen Kindheit für Miriam, die nun Rebecca heißt.

Ihre richtigen Eltern, die, die sie Miriam genannt haben, sind schon in West-Berlin. Ihre kleine Tochter mussten sie zurücklassen, als das Ostehepaar im Westwagen mit gefälschten Ausweisen und zwei im Kofferraum versteckten Kindern an der Grenze gestellt wurde. Da wundert man sich zum ersten Mal: Andere abenteuern über die Mauer und die beiden fahren einfach im Auto vor? Aber warum nicht, es ist viel unauffälliger so. Bloß dass die beiden – Edgar Selge und Katja Flint – ihren Fluchtweg anschließend einfach fortsetzen dürfen, irritiert dann doch.

1974. Noch hat die DDR nicht einmal die KSZE-Schlussakte unterschrieben und mit ihr die Geltung der Menschenrechte. Noch wünscht sie längst nicht allen Ausreisewilligen gute Weiterfahrt in der fortgeschritten depressiven Annahme, man werde eben mit dem Rest, der freiwillig bleibt, den Sozialismus aufbauen. Das kleine Mädchen behält die DDR, den siebenjährigen Bruder nicht. Dahinter steht wohl nicht nur Zynismus, sondern vor allem die Annahme, aus Miriam-Rebecca könnte noch ein brauchbarer neuer Mensch werden. Mit Siebenjährigen ist das schon schwieriger. Also durfte das Ehepaar Molitor frei wählen: entweder Gefängnis oder Weiterfahrt zu dritt. Und nimmt das wirkliche Leben nicht manchmal genau solche Wendungen, solche, die man keinem Fernsehfilm verzeiht?

Schwer zu sagen, wann man sie „Jenseits der Mauer“ nicht mehr verzeiht. Da ist so ein falsch versöhnlicher Grundgestus, so ein ausgestelltes Bemühen, niemandem weh zu tun. Das Credo lautet: Das System war böse, aber seine Menschen waren gut. Knaup als bester Stasi-Vater der Welt! Manche waren auch nur so gut wie sie konnten – etwa Renate Krößner als DDR-Kinderheimleiterin, die beginnt, dem Informationsbedürfnis der unglücklichen Mutter nachzugeben, die ihr Kind vermisst, und ihr als Miriam liebe Ich-vermisse-Euch-Briefe zu schreiben. Dafür bekommt sie noch liebere Wir-vermissen-Dich-auch-Briefe zurück und dazu jedes Mal viel Westgeld. Das ist merkwürdig, denn normalerweise nahm die DDR solche Scheine aus Briefen immer raus und behielt sie selbst. Normalerweise durfte ein Stasioffizier wohl auch nicht mit dem West-Freund seiner inzwischen schon fast erwachsenen (Adoptiv)Tochter (Henriette Confurius) Abendbrot essen – Feindkontakt! –, ja normalerweise dürfte er solche fatalen Liebesorientierungen gar nicht dulden, aber dieser Frank Pramann ist eben ein besonderer Stasi-Mann, der der Freiheit seines Kindes nirgends im Wege stehen will.

Die Leiterin Fernsehfilm des federführenden WDR fasst die erwünschte Wirkung dieses Die-Frau-vom-Checkpoint- Charlie-Nachfolgefilms mit positivem Ausgang in die erlesenen Worte „an die Nieren gehend“. Tatsächlich erzählt „Jenseits der Mauer“ in der Regie von Friedemann Fromm frei von der Leber weg. Hauptsache, die Innereien haben ihren Spaß bei diesem Weichmacher fürs Hirn.

Die nachfolgende ARD-Dokumentation „Trennung von Staats wegen“ (21 Uhr 45) von Ulrike Brincker gewährt einen Einblick in die Adoptionspraxis der DDR. Dass die meisten der rund 75 000 Adoptionen zwischen 1950 und 1990 zum Wohl der Kinder geschahen, scheint der Autorin fraglos. Doch daneben öffnet sich der Abgrund der Aberkennung des Erziehungsrechts aus politischen Gründen. Die wenigsten Fälle von Zwangsadoptionen sind eindeutig dokumentiert. Zwischen Kindern und Eltern, die sich nach 1989 wiedersahen, blieb nicht selten eine irritierende Fremdheit.

„Jenseits der Mauer“, ARD, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar