Medien : Flut der Flammen

Mit „Tarragona“ hat RTL das Unglück verfilmt, das sich 1978 auf einem spanischen Campingplatz ereignete

Verena Friederike Hasel

Eine Filmkatastrophe ist ähnlich gut trainiert wie der Pawlowsche Hund. Kaum zeigt sich der Held besonders unbekümmert, ist sie auch schon da. Stets muss es anders kommen als erwartet, sagt die Genrekonvention, doch hat sie die Rechnung ohne den Zuschauer gemacht, dem diese Regel längst bekannt ist.

Zutiefst erwartbar also, was passieren wird, als Dietmar (Tim Bergmann), mit seiner Freundin Ulrike (Sophie von Kessel) unterwegs in die Sommerferien auf dem Campingplatz im spanischen Tarragona, zu Beginn des gleichnamigen RTL-Zweiteilers die schönste Zeit des Jahres preist. Und noch erwartbarer wird’s, als einige Szenen später Lkw-Fahrer Miguel unweit Tarragona ein munteres Liedchen pfeift, während sein Tanklaster mit hochexplosivem Propylengas befüllt wird.

Für „Tarragona – Paradies in Flammen“ hat RTL, in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma „Zeitsprung“, erneut in die Kiste der wahren Katastrophen gegriffen. 1978 explodierte in Tarragona ein Tanklaster und legte einen überfüllten Campingplatz in Asche; 215 Menschen starben. Diese Real-Eckdaten hat Autor Tim Berndt mit fiktiven Figuren bestückt, die Stoff für emotionales Knall-Boom-Bang bieten sollen: Ulrikes Nichtsnutz von Exmann (Johannes Brandrup) hat sich ebenfalls in Tarragona eingenistet, Katharina (Laura Tonke) träumt vom Leben zu dritt mit Baby, ihr Mann Günter (Peter Benedict) eher von einem flotten Dreier mit Wohnwagennachbarin Bärbel (Nina Proll). Und der strenge General Köhler (Hanns Zischler) sieht das erste Mal seit Jahren seinen Sohn wieder, der lieber Tänzer werden wollte als zu marschieren und inzwischen einen Mann geehelicht hat.

Und so fischen alle Figuren in ihren persönlichen Suppen umher, während der Zuschauer in regelmäßigen Abständen darüber in Kenntnis gesetzt wird, dass alle seelischen Befindlichkeiten ohnehin bald in Rauch aufgehen werden: Nun könne wirklich nichts Schlimmeres mehr passieren, bekundet Katharina angesichts ihres treulosen Günters; ein Schnitt, und der Laster röhrt durchs Bild, die Aufschrift „Gefährliche Fracht“ deutlich sichtbar.

Subtil, fein und leise ist das nicht, aber solche Attribute dürfen Filme dieses Genres auch gar nicht haben. Es liegt im Wesen einer Katastrophe, dass sie sich vielleicht dezent ankündigt, dann aber mit viel Getöse über die Menschen herniedergeht und ihr Leben durcheinanderwirft. Im Film ist sie Katalysator; durch sie wächst der Held über sich hinaus. Passieren kann das auf zwei Weisen: In US-amerikanischen Kinofilmen ist der Protagonist oft aktiv ins Umfeld der Katastrophe eingebettet wie in Wolfgang Petersens „Outbreak“, der den Kampf eines Arztes in Afrika gegen ein Virus erzählt. Deutsche Fernsehproduktionen wie „Sturmflut“ oder „Dresden“ haben dagegen eher von den Auswirkungen einer Katastrophe auf einen Alltagsmenschen erzählt, allerdings anhand eines Ereignisses, das sich zeitlich ausdehnt.

„Tarragona“ wählt keinen dieser beiden Wege und scheitert deshalb innerhalb seines Genres. Die Protagonisten haben keine Teilhabe an dem Unglück und es dauert auch nicht lang genug, um ihnen charakterliche Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Und selbst in den Minuten, in denen sich das Unglück vollzieht, verzichtet der Film auf alle potenziell dramatischen Entscheidungspunkte. Denkbar wäre etwa gewesen, dass Ulrike sich entscheiden muss, ob sie Exmann oder Freund aus den Flammen rettet. Dass das nicht passiert, die Handlung einfach weiterplätschert, das ist dann wirklich unerwartet.

„Tarragona – Paradies in Flammen“, RTL, heute und morgen 20 Uhr 15

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