Medien : Force de Frust

Frankreichs Fernsehen zeigt keine Bilder von der Randale – das wird die Bereitschaft zur Gewalt nicht stoppen

Jo Groebel

Brennende Autos zu tausenden, Bilder wie aus einem Bürgerkrieg. Was uns tagelang in die Wohnzimmer gerückt wird und doch so fern erscheint, zeigen einige französische Fernsehsender vor Ort erst gar nicht. Sie haben entschieden, Anstachelungs- und Nachnahmeeffekte möglichst niedrig zu halten. Damit wird zum Wohlgefallen der Regierung der Sicherheitsgedanke vor den der Pressefreiheit gestellt. Abgesehen von der politischen Bewertung einer solchen Entscheidung ist wieder die Frage auf dem Tapet, wie berechtigt hier die Furcht vor den gewalterhöhenden Wirkungen der Medien ist.

Dass die Realität der Lebensumstände der randalierenden Jugendlichen erst einmal die überwiegende Ursache für deren Aktionen ist, kann niemand bezweifeln. Die Trostlosigkeit der Banlieues trifft auf ein hohes Gewaltpotenzial männlicher Heranwachsender. Gleichzeitig haben sich im nahezu rechtsfreien Raum lokale Gangkulturen entwickelt, die nun aus der starken Geste und dem kriminellen Handeln im Kleinen heraus ein nationales, ja europäisches Zeichen gesetzt haben.

Die Medien kommen da ins Spiel, wo raumübergreifend Internet und Fernsehen direkten und indirekten Kontakt zwischen den Angreifern vermitteln. Man verabredet sich persönlich über die einschlägigen Netzforen zur nächsten Aktion, Deutschland kennt das seit Jahren unter anderem aus der Autonomenszene. Gleichzeitig rückt die Berichterstattung über das Pariser „Einzelereignis“ die Idee der spektakulären Gewalt aus der Fiktion plötzlich in die Realität. Gültig seit langem für Kidnapping, Terroranschläge, aber auch für erfolgreiche Großeinbrüche. Es bedarf nur der Vorbilder, der Initialzündung, und ein nur gedachtes Handeln wird zum Handeln vieler – die häufig bestätigte mediale Kettenreaktion. Außerdem schaffen die Bilder ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine symbolische Gruppe. Dann entsteht mit der Medienpräsenz eine visuelle Artikulation der Frustration und erst recht das (Selbst-)Bewusstsein, die zunehmende Macht über die öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Die „Gruppe“ wird gestärkt.

Die Reaktionen der Politik geben den vielleicht geplanten, vielleicht intuitiven Strategien der Randalierer Recht. Was seit Jahrzehnten bekannt ist, die explosive Mischung aus Wohnumständen, Arbeitslosigkeit und jugendlicher Gewaltkultur, wird erst jetzt zum Großthema. Und so haben die französischen Straßenakteure die Lektion gelernt: Wirklich stark ist man nicht durch ein paar brennende Autos, stark ist man, wenn man es in die Schlagzeilen und Bilder geschafft hat. Das ist der zentrale Medieneffekt, nicht die Tatsache, dass die junge Männerkultur sich mit Hilfe gewalttätiger Computerspiele, aggressionshaltiger Filme und musikalischer Machoallüren in Richtung destruktiven Handelns ausgeformt hat.

Das Ausblenden der Bilder durch französische Sender wie auch das Sperren einiger Weblogs mag in der Nuance die Ansteckungsgefahr reduzieren, mag die Bürger vor größter Panik verschonen, aufhalten wird es die Bereitschaft zur Gewalt nicht mehr. Denn im Zeitalter des Internets, der Digitalkameras und Fotohandys läuft die Verbreitung von Bild und Tat gerade bei den Jugendlichen längst über die informellen Kommunikationskanäle. Und vor allem, das Nicht-Gezeigte schwelt als Problem trotzdem weiter, erreicht irgendwann eine Dimension, die nicht mehr bilderlos bleiben kann. Selbst wenn die beiden Länder und die Phänomene nicht direkt vergleichbar sind: Auch in den Niederlanden hatte man über lange Zeiträume hinweg die Augen und Kameras gegenüber den Konflikten rund um Migranten, Arbeitslosigkeit und Jugendaggression verschlossen. Irgendwann entstand der Überdruck, in diesem Fall von Seiten der sich abgedrängt fühlenden Bürger, und eskalierte in den bekannten Extremreaktionen: Ruf nach mehr Staatsgewalt, Mord an Fortuyn und van Gogh, Übergriffe gegen Moscheen.

Lösen können die Medien diese Krisen nicht, so wenig, wie sie dafür verantwortlich sind. Dennoch, die verschiedenen Formen der Kommunikation sind eine Voraussetzung zur Konfliktbewältigung. Die persönliche Intervention der „Grands Frères“, der älteren Herren aus den örtlichen Islamgruppierungen, schuf bei etlichen Jugendlichen ein Innehalten; die Regierung immerhin bot auch Gespräche an; vor allem steht, übrigens in fast ganz Europa, das aus, was in den USA ein Mittel des kulturellen Zusammenwachsens war, die Integration der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Populärkultur, besonders des Fernsehens. Gerade der Film und die Serien prägten auch Menschen- und Weltbilder und verschafften den kleineren Gruppen einen Wiedererkennungseffekt und eine symbolische Artikulation. Dass dies sogar mit Humor geht, beweisen in Deutschland einige türkischstämmige Comedystars; das gilt auch für einige französische Shows. Maßstäbe hat vor allem die BBC-Serie „Goodness, Gracious, Me“ gesetzt, die die in Großbritannien aktuelle Integration indischstämmiger Einwohner (selbst-)ironisch thematisierte.

Die soziale Integration ist nicht nur ein französisches, nicht nur ein niederländisches, nicht nur ein deutsches Thema, sie ist eines für ganz Europa. Und sie ist nach wie vor eines für die Medien. Im Moment werden die unter den „Anderen“ mit der Währung Medienaufmerksamkeit und dann politischer Reaktion „belohnt“, die zu extremen Mitteln greifen. Grenzüberschreitend brauchen wir einen Beitrag der Medien zur Integration, der nicht beschönigt, aber auch nicht nur die Krise herausstellt. Alle Genres sind hier angesprochen, die Information, die Kultur, nicht zuletzt die Unterhaltung. Wir bauen noch an Europa, gerade in den Medien. Der Umgang mit Migration gehört dazu. Sonst könnten wir bald auf unserem Boden die Gewaltbilder entstehen sehen.

Professor Jo Groebel ist Chef des Europäischen Medieninstituts und hat zahlreiche Bücher und Artikel zur Konfliktkommunikation publiziert.

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