Forscher-TV : Fische ohne Kopf

"Schliemanns Erben" auf den Spuren der Hanse. 15 Jahre begleitet das ZDF bereits die moderne Archäologie.

Rolf Brockschmidt

Unterwasserarchäologen entdecken mit Hilfe modernster Sonartechnik eine gesunkene Kogge vor der Ostsee-Halbinsel Darß. Die Kogge war das klassische Transportschiff der Deutschen Hanse, deutsche Kaufleute trieben vor allem Handel in der Ostsee, unterhielten Kontore in London, Brügge, Bergen und Nowgorod. Doch die Ladung der Kogge gibt den Meeresarchäologen des Landesdenkmalamtes Mecklenburg-Vorpommern zunächst Rätsel auf: unzählige Holzspieße und Kabeljauknochen, aber keine Fischköpfe. Die Kogge hatte Stockfisch geladen, ein hoch gehandeltes Lebensmittel im Mittelalter. Doch woher kam die Ladung? War das Handelsgebiet der Hanse viel größer als bisher angenommen?

Dieser Frage geht der Film „Schliemanns Erben – Der Vorstoß der Deutschen Hanse“ von Gisela Graichen und Peter Prestel am 1. Januar nach, dem ersten einer neuen Staffel der ZDF-Archäologiereihe „Schliemanns Erben“. Eindrucksvoll zeigt der Film, wie moderne Archäologie arbeitet. Archiv- und Kartenstudien, geophysikalische Untersuchungsmethoden und Unterwasserarchäologie führen zu verblüffenden Ergebnissen.

Zwar hatte die Hanse ein Kontor in Bergen, doch der Stockfisch musste aus einem anderen, fischreicheren Gebiet kommen. Die Archäologin Natascha Mehler von der Universität Wien vermutete schon länger, dass Spuren der Hanse auf den Shetland-Inseln und sogar auf Island zu finden sein müssten. Der Hanse war zwar der Handel nördlich von Bergen untersagt, doch offensichtlich haben sich die deutschen Kaufleute auch auf den Shetland-Inseln niedergelassen. Mehler und ihre Kollegen können die deutschen Spuren der Hanse nachweisen, ein Backstein in einer alten Kirchenruine bringt sie auf die Spur, denn Backsteine waren auf den Shetland-Inseln unbekannt, wurden aber als Ballast in den Koggen benutzt. Graichen zeichnet die Puzzle-Arbeit der Wissenschaftler nach, verknüpft sie mit erhellenden Spielszenen und Computeranimationen, sodass am Ende ein klares Bild der Hanse im Nordatlantik entsteht.

Nicht weniger aufregend ist die Forschungsarbeit von Ökoarchäologen auf der Osterinsel, die ergründen wollen, warum der tropische Palmenwald dieser Insel verschwunden ist. „Heiße Spur auf Rapa Nui“ von Klaus Kastenholz wird am 3. Januar gesendet.

Seit 15 Jahren berichtet Gisela Graichen in „Schliemanns Erben“ über moderne Archäologie, die mehr ist als eine Rekonstruktion der Vergangenheit. Oft kommt man zu dem Schluss, dass einschneidende Veränderungen in den Lebensumständen der Kulturen von Menschenhand geschaffen waren. „Der Mensch schafft sich seine Wüsten selbst“, hat einmal der Berliner Assyrienforscher Hartmut Kühne gesagt. Die ZDF-Reihe „Schliemanns Erben“ hilft, die Augen zu öffnen. Rolf Brockschmidt

1. Januar: „Vorstoß der Deutschen Hanse“;  3. Januar: „Heiße Spur auf Rapa Nui“; 10. Januar: „Die versunkene Stadt der Wolkenmenschen“; 17. Januar: „Das Vermächtnis der Steppenkrieger“, jeweils ZDF, 19 Uhr 30.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben