Frankfurter "Tatort" : Abschied von Nina Kunzendorf

Am Sonntagabend läuft der letzte Frankfurter "Tatort" mit Nina Kunzendorf als Conny Mey. Zum Schluss birgt das Zusammenspiel zwischen ihr und Teampartner Frank Steier (Joachim Król) aber doch noch eine Überraschung.

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Joachim Krol als Frank Steier und Nina Kunzendorf als Conny Mey.
Fünfter Fall – letzter Fall. So schwierig das Verhältnis zwischen Frank Steier und Conny Mey auch war, tief drinnen schlummerte...Foto: ARD

Der Besprechungsraum ist schon leer, die Blumen liegen achtlos auf dem Tisch. Kommissar Frank Steier (Joachim Król) ist mal wieder zu spät gekommen und hat die Verabschiedung seiner Kollegin Conny Mey (Nina Kunzendorf) verpasst. „Mädchengemüse“, murmelt er lächelnd und ein bisschen wehmütig. Am Ende zitiert sich der Frankfurter „Tatort“ selbst: In „Der Tote im Nachtzug“ hatte Mey ihrem Kollegen Blumen geschenkt, weil Steier, im ersten Film durch eine Messer-Attacke verletzt, wieder in den Dienst zurückgekehrt war. „Mädchengemüse“, lästerte er damals.

Der kontaktgestörte Steier, die kontaktfreudige Mey – das war kein Team auf einer Wellenlänge. Aber beide schätzten sich, mochten sich auf eine komplizierte, häufig durch Missverständnisse begleitete Art. Wie unterschiedlich Männer und Frauen ticken, das war so ein Nebenbei-Thema in diesem wunderbaren Team, das nun durch Nina Kunzendorfs Abgang leider Geschichte ist. Ihre Nachfolgerin wird mit Margarita Broich, 53, eine ausgezeichnete Theater-Schauspielerin und Fotografin, die im Fernsehen vor allem in Nebenrollen glänzte, so im Grimme-Preis-gekrönten „Teufelsbraten“. Ihr Lebenspartner Martin Wuttke ist „Tatort“-Kommissar in Leipzig. Mit Broich widersetzt sich der Hessische Rundfunk (HR)dem jüngsten Star-Auftrieb bei der ARD, gut so.

Doch erst einmal heißt es Abschied nehmen: Steier reagiert im fünften und letzten gemeinsamen Król/Kunzendorf-Fall („Wer das Schweigen bricht“) barsch auf Meys Ankündigung, sie wolle nach Kiel gehen, um dort an der Polizeischule zu unterrichten. Und als Steier, wieder ganz der Mann der verpassten Gelegenheiten, endlich kommt, um sich zu entschuldigen und seine Kollegin umzustimmen, sagt sie nur: „Ich habe unterschrieben.“ Nina Kunzendorfs Ausdrucksweise und Mimik lässt in dieser Szene viel mitschwingen, die Enttäuschung Meys über Steiers bockige, unsensible Spätzünderei, Wehmut über das Ende eines Lebensabschnitts. Im Übrigen ist das der Moment im Film, in dem Steier wieder zur Wodka-Flasche greift.

Man könnte selbst ein bisschen wehmütig werden, denn der Abschied von Nina Kunzendorf alias Conny Mey ist vor allem eines: schade. Weil eine gute Schauspielerin den „Tatort“ verlässt, und weil noch dazu eine erfrischende Rolle verloren geht. Zwar mangelt es im deutschen Fernsehen nicht mehr an klugen, erfolgreichen Frauen als Krimi-Ermittlerinnen, von Bella Block bis Charlotte Lindholm. Und auch im „Tatort“ ist die Dienstälteste eine Frau: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ermittelt seit 1989 in Ludwigshafen. Kommissare und Kommissarinnen haben Liebesbeziehungen und Beziehungsstress, aber die erotischen Facetten, die nun mal zum Leben und damit zur Verkörperung jeder Rolle gehören, werden allenfalls brav angedeutet.

Dabei hatte der „Tatort“ schon mal ein Sex-Symbol, aber ein männliches: Götz George als Horst Schimanski. Den Mut zu vergleichbar selbstbewusstem weiblichen Sexappeal hatte erst der HR, als er im Mai 2011 die Figur der Conny Mey auf den Bildschirm schickte. Eine „Erotik, die eher heiter stimmt“, und einen „Anklang an ,Erin Brokovich‘ mit Julia Roberts“ beschrieb HR-Fernsehfilm-Chefin Liane Jessen das Rollenkonzept in einem Interview mit „Spiegel Online“. Das herrlich übertriebene Outfit, die unverblümte Direktheit und der freundlich-entwaffnende Charme der Figur sowie natürlich Nina Kunzendorf selbst – das ergab eine ganz eigene, einzigartige Brokovich-Variante aus Hessen. „Ich glaube daran, dass man die Welt verbessern kann“, sagt Conny Mey. Das geht, wie man nun ein letztes Mal sieht, auch in knallroten Stiefeln und ohne Leisetreterei. Die 41-jährige Schauspielerin Kunzendorf gab die Rolle aus eigenen Stücken ab, über die Gründe mochte sie sich bisher nicht öffentlich äußern.

„Na ja, das Leben geht weiter, oder?“, sagt die lächelnde Conny Mey gleich zu Beginn des Films zum Chef der Abteilung. Ganz so leicht fällt ihr der Abschied dann doch nicht, aber der fünfte Król/Kunzendorf-Fall ist noch einmal eine prägnante Visitenkarte aus Frankfurt. Wie bei allen Filmen schrieb Grimme-Preisträger Lars Kraume („Guten Morgen, Herr Grothe“) das Drehbuch nach einer wahren Begebenheit. Im Jugendknast wird der 19-jährige Mustafa tot in seiner Zelle gefunden, offenbar war er gefoltert worden. Steier arbeitet sich mühsam hinein in diese Welt hinter Gittern mit ihren eigenen Regeln und trifft dabei auf unverschämt herrische Schließer, einen wunderlich sanften Gefängnisdirektor (toll: Sylvester Groth), eine gelassene Sozialarbeiterin (warum tragen die immer Norweger-Pulli?) und natürlich schweigsame Insassen.

Und Conny Mey kann plötzlich Türkisch. „Volkshochschulkurs“, erläutert sie knapp. Das kann man diesem modernen, erwachsenen Krimi nicht vorwerfen, der niemals belehrt, aber eine authentische Atmosphäre erzeugt, der mit Tempo, Spannung, überraschenden Wendungen, einer bemerkenswerten Musik und leider vielen Nahaufnahmen von blutigen Zehen mit herausgerissenen Nägeln aufwartet. Und einem nicht unblutigen Finale, in dem Steier endlich einmal entschlossener und schneller handelt als Conny Mey.

„Tatort: Wer das Schweigen bricht“, ARD, 14. April 2013, 20 Uhr 15

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