Frankreich-TV : Die Senderkette France Télévisions steckt in einer Krise

Ein weiteres Kapitel im schwierigen Verhältnis von französischem Staat und öffentlich-rechtlichen Medien: Die Senderkette France Télévisions ringt um ein Profil.

Adrian Lobe
Moderatorin Sophia Aram.
Moderatorin Sophia Aram.Foto: AFP

David Pujadas ist der Anchorman von France 2. Jeden Abend um 20 Uhr flimmert sein Bild in die französischen Fernsehstuben. Am 7. November lief das „Journal Télévisé (JT)“ jedoch nicht wie gewohnt. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Frankreich streikten. Die Mitarbeiter demonstrierten gegen die Sparpläne und geplante Stellenstreichung von 361 Posten. Die Senderkette France Télévisions (France 2, 3, 4, 5, RFO) steckt in einer tiefen Krise. Die Einschaltquoten befinden sich im freien Fall. Der Druck der privaten Sender (TF1 und M6) vor allem im Vorabendprogramm wird größer.

Ein Sündenbock für die sinkende Gunst beim Publikum schien schnell ausgemacht: Sophia Aram, die hübsche, aber erfolglose Moderatorin, die mit ihrer prominent platzierten Sendung „Jusqu’ici tout va bien“ ein Quotendesaster erlebte. Die rückläufigen Einschaltquoten kosten den Sender nach eigenen Angaben bis zu 20 000 Euro pro Tag. Aufs Jahr gerechnet belaufen sich die Werbeeinbußen auf 91 Millionen Euro. Seit 2009 darf der öffentliche Sender nur noch im Vorabendprogramm Werbung senden. Die Abschaffung der Werbung nach 20 Uhr, unter der Ägide von Präsident Sarkozy beschlossen und als Geschenk an Freunde kritisiert (der Mehrheitseigner von TF1 war Sarkozys Trauzeuge), hat ein Loch von 746 Millionen Euro in den Etat gerissen.

Der Staat musste mit 1,892 Milliarden Euro einspringen. Konsequenz: Der Rundfunk wurde staatsnäher. Die Finanzierungsgrundlage von France Télévisions ist ein komplexes Geflecht aus Institutionen und Zuständigkeiten. Die Einnahmen speisen sich zum größten Teil aus Rundfunkgebühren, die jeder Haushalt zu entrichten hat. Die Budgettöpfe werden zwischen den Senderchefs sowie dem Kultur- und Finanzminister ausgehandelt – ein diffiziles Verfahren, bei dem parteipolitische Erwägungen berücksichtigt werden müssen.

Allein bei France 2 wurden in den letzten beiden Jahren vier Direktoren verschlissen. Den Programmchefs ist es nicht gelungen, das Profil der Sender zu schärfen. Neben dem Flaggschiff France 2 ist der Sender France 3, der einen regionalen Schwerpunkt hat, um fünf Prozent in der Zuschauergunst gesunken. Die Verantwortlichen von France 4 wissen nicht, ob sie als Jugend- oder Kultursender in Erscheinung treten sollen. Hinzu kommt, dass sich die Umstrukturierung der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt als kostspielig erweist. Die Eingliederung der einzelnen Sender unter das gemeinsame Dach von France Télévisions soll zwischen 2009 und 2012 Mehrausgaben in Höhe von 100 Millionen Euro verursacht haben.

Führung ohne Mut

Rémy Pflimlin kommt die schwere Aufgabe zu, den Tanker France Télévisions in diesen stürmischen Zeiten in ruhigere Gewässer zu steuern. Dabei bläst dem Intendanten Gegenwind aus allen Richtungen entgegen. Kulturministerin Filippetti zitierte Pflimlin im Dezember zum Rapport und verlangte eine „klare strategische Ausrichtung“. Und die Gewerkschaften kritisierten eine Führung „ohne Mut und Kreativität“. Der „Plan Pflimlin“, der Einsparungen von 91 Millionen Euro vorsieht, stößt bei der Belegschaft auf Ablehnung. Pflimlin war 2010 von Staatspräsident Sarkozy eingesetzt worden. Sarkozy hatte die Berufung (und Absetzung) der Senderchefs 2009 seinem Kompetenzbereich zugeschlagen und das für die Ernennung eigentlich zuständige Gremium, den „Conseil supérieur de l’audiovisuel“ (CSA), kurzerhand entmachtet.

Obwohl er nicht Sarkozys Wunschkandidat war, haftete Pflimlin von Anfang an das Stigma eines Apparatschiks an. Dabei ist der erfahrene Medienmanager – er war zuvor Direktor bei France 3 – weniger ein willfähriger Statist als ein entschlossener Sanierer. Der gebürtige Elsässer ist ein besonnener Funktionär, der mit sanfter Stimme spricht, Argumente abwägt. Pflimlin wehrt sich gegen den Vorwurf, „low cost“-Fernsehen zu betreiben. Im Interview mit der Tageszeitung „Le Monde“ betonte er den Wert investigativer Formate und die Wichtigkeit, sich vom Privatfernsehen abzuheben.

Trotzdem ist er zur Zielscheibe des Protests geworden. Dass Pflimlin nach Ablauf seiner Amtszeit 2015 noch mal nominiert wird, glaubt in Paris niemand. Kulturministerin Filippetti hätte den Direktor besser heute als morgen los. Doch Staatspräsident Hollande will den Senderchef partout nicht absetzen, weil er vor einem „Zäsarismus“ à la Sarkozy zurückschreckt. Hollande trat im Wahlkampf mit der Maxime an, den Einfluss der Politik auf die Medien reduzieren zu wollen.

Letzte Woche verabschiedete der Senat ein neues Rundfunkgesetz. Die Novelle sieht vor, dass die Senderchefs künftig vom CSA und nicht vom Präsidenten ernannt werden. Zudem wird das Gremium von sieben auf neun Mitglieder aufgestockt. Fraglich ist aber, ob die durch das Gesetz intendierte Unabhängigkeit des Rundfunks wirklich realisiert wird. Die Ernennung der Direktoren von France Télévisions war schon immer ein politisiertes Entscheidungsverfahren. Ob mittelbar oder unmittelbar haben linke und rechte Mehrheiten stets versucht, auf die Programm- und Personalpolitik Einfluss zu nehmen.

Das bleibt auch in Zukunft so. Die Mitglieder des CSA werden weiterhin vom Präsidenten ernannt. Anfang des Jahres setzte François Hollande den loyalen Parteisoldaten Olivier Schrameck (PS) als Vorsitzenden des Gremiums ein. Schrammeck war Kabinettschef unter Lionel Jospin im Hôtel Matignon. Im Grunde ist das Gesetz also Augenwischerei. In einem Interview mit dem Wochenmagazin „L’Express“ sagte Schrameck kürzlich, alle zwei Wochen würde ein Repräsentant von France Télévisions einbestellt, um „über die durchgeführte Politik in der Gruppe zu diskutieren“. Dass es sich um einen „Dialog“ handelt, darf durchaus bezweifelt werden. Der Dirigismus des französischen Staates sorgt bei der Belegschaft von France Télévisions für Verdruss. David Pujadas, einer der profiliertesten Fernsehköpfe des Landes, ist offenbar nicht abgeneigt, zu seinem alten Sender TF1 zurückzukehren – dort war er bereits 13 Jahre auf Sendung.

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