Medien : Frau Courage

Heike Makatsch spielt „Margarete Steiff“, die die Teddys mit dem Knopf im Ohr erfand

Barbara Sichtermann

Im Schwabenland waren sie seit jeher zu Hause – die zähen, arbeitsamen, erfindungsreichen Unternehmertypen. Und sie konnten sogar, wenn auch eher ausnahmsweise, diese äußerst belastenden Attribute aufweisen: weiblich und behindert. Ja, auch so eine gab es vor mehr als hundert Jahren auf der Alb. Allerdings hat diese Vorzeige-Unternehmerin alle anderen an Zähigkeit und Erfindungsreichtum übertreffen müssen, um nach oben zu kommen: Margarete Steiff hieß sie und war die Schöpferin der weltberühmten Kuscheltiere mit dem Knopf im Ohr.

Es wurde Zeit, dass diese Lebensgeschichte aus den Archiven geholt und in die Filmsprache übersetzt wurde. Nicht nur wegen der Political Correctness in puncto Frauen und Behinderte. Auch und vor allem wegen der erschrockenen deutschen Gesellschaft, die ihren Wohlstand bedroht sieht und darob nicht etwa aktiv(er) wird, sondern lauthals barmt. Margarete Steiff: „Es macht keinen Sinn, immer nur seinen Beinen nachzujammern, wenn einem darüber das ganze Leben davonläuft.“

Die Kinderlähmung war es, die der kleinen Margarete die Fähigkeit zu stehen, zu gehen und zu laufen nahm. Sie antwortete darauf mit verdoppelter Entschlossenheit, nichts zu verpassen, weder die Schule noch die Arbeit und auch die Liebe nicht. Das Schicksal hilft nicht durchweg. Zur Schule wird das intelligente Kind vom Bruder befördert, der ihr auch später die Stange hält. Arbeit schafft sie sich selbst. Aber der Mann ihres Herzens nimmt dann doch am Rollstuhl Anstoß, der Blödian. Das ist ein Schlag, den Margarete mit einer Steigerung von Arbeitseinsatz und Investition pariert.

Heike Makatsch spielt die Geschäftsfrau, die ihr Leben einholt, mit wunderbarer Klarheit. Es ist alles da: Entschiedenheit, Verletzlichkeit, Humor. Ihr Gesicht, ihr Gefühl, ihr Temperament ziehen die historische Figur ins Heute, ohne ihr die Verwurzelung im tiefen 19. Jahrhundert und in der schwäbischen Provinz zu bestreiten. Felix Eitner überzeugt als Bruder Fritz, der nur einmal nicht helfen kann: Als Margaretes Liebster davongeht, und er dafür schuldlos büßen muss.

Hary Prinz ist ein famoser Vertreter für das Gerät, das damals gerade serienreif wurde und die Steiff-Fabrik möglich machte: die Nähmaschine. Suzanne von Borsody gibt die resolute Mutter, die das gelähmte Kind vor allem als Bürde sieht, und Herbert Knaup den Vater, der trotz allem stolz auf seine willensstarke Tochter ist. Susanne Beck hat das Buch geschrieben und einen Ton getroffen, der sanfte Nostalgie mit dramatischer Power verbindet. Xaver Schwarzenbergers Regie schließlich gelang es, eine Atmosphäre zu stiften, in der das Publikum einem Märchen lauscht, das keine Wahrheit scheut.

Die heimliche Hauptperson des Films, das Steiff-Tier, genauer: der Teddy-Bär, tritt erst spät auf, wird aber dann angemessen inszeniert. Plötzlich erkennt man, dass nicht nur die Nähmaschine eine Epoche machende Erfindung jener Zeit gewesen ist, sondern ebenso das Kuscheltier. Wir glauben ja gerne, dass es Teddybären immer schon gegeben habe, genau wie das Kind, das ihn an sich schmiegt und träumt. Aber von wegen – da musste man erst mal drauf kommen.

Auch Margarete Steiff hat nicht gleich mit Spielzeug angefangen, sondern mit Konfektionswaren. Zwischendurch fabrizierte sie, eher nebenbei, Filzelefanten, die als Nadelkissen dienen sollten. Die Dinger fanden reißenden Absatz – aber sie wurden keineswegs von Hausfrauen ins Nähkästchen gepackt, sondern von Kindern geknuddelt. „Die Stoffelefanten sind zum Spielen da!“, erkennt Margarete. Diese Einsicht ist eine Erleuchtung für sie, eine blendende Geschäftsidee, obwohl es dann noch einige Zeit dauert, bis er auf der Welt ist: der Teddy-Bär, der „ihr das Leben rettet“ – und den Laden.

„Margarete Steiff“ ist ein Kostümfilm, der aktuell wirkt, ein gefühlvoller Film, der spannend ist, und ein Weihnachtsfilm, der die Idylle verschmäht. Was will man mehr.

„Margarete Steiff“ läuft am Freitag um 20 Uhr 45 Uhr auf Arte und am 27. Dezember um 20 Uhr 15 im Ersten

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