Medien : Frau in Zeiten des Nachkriegs

Der ARD-Film „Suchkind 312“ erzählt, wie wir wurden, was wir auch sind

Barbara Sichtermann

Ist es ein Film über die Patchworkfamilie, über die Liebe oder über die fünfziger Jahre? „Suchkind 312“ (Regie: Gabi Kubach) ist alles zusammen und noch einiges mehr. So beispielsweise der gelungene Versuch, das große Drama, die explosiven Gefühle, die pathetische „Emo-Kiste“ ganz einfach, mit zitathaft-plakativen Dialogen und einer holzschnittartigen, vordergründigen Szenenfolge zu inszenieren und auf diese Weise jene wohltuende Distanz beim Zuschauer zu erzeugen, die dann wieder Einfühlung sozusagen zweiten Grades zulässt.

Das sei ja heute alles vergessen, heißt es im Presseheft zum Film, dieser Wirrwarr der auseinandergerissenen Familien in der Nachkriegszeit, die falschen Todesmeldungen, die endlosen Gefangenschaften, die vielen Waisen, die bei Flucht und Vertreibung auf der Strecke geblieben waren. Aber „Suchkind 312“ – Vorlage ist der gleichnamige „Hörzu“-Roman von 1954 – braucht diese Art von Legitimierung nicht. Der Film erzählt seine Geschichte von heimlicher Mutterschaft, unerwiderter Liebe, illegitimer Leidenschaft und Fassade von „sauberer Familie“ mit einer fast kindlichen Ernsthaftigkeit, die nichts anderes mitteilt, als dass es hier um Leben, Lieben und Leiden von Menschen überhaupt geht. Natürlich sind die fünfziger Jahre eine prima Kulisse für eine Dreiecksgeschichte, und Christine Neubauer in ihrer dunkel strahlenden Weiblichkeit ist die ideale Heroine als verzweifelte Mutter, nobel verzichtende Ehefrau und selige Geliebte.

Was die Heiligsprechung der Mutter-Kind-Bindung betrifft, so stecken wir ja derzeit in einer familienpolitischen Debatte, die uns Deutschen den Anschluss an die Moderne sichern und endlich aufräumen soll mit all den Mystifikationen rund um die Stimme des Blutes. Der Film, der hier historisch korrekt den konservativen Standpunkt einnimmt, hilft verstehen, wie das alles gekommen ist. Es war so viel zerstört worden im Krieg, nicht nur Menschen und Dinge, sondern auch Gefühle der Zusammengehörigkeit, dass man jetzt keine Experimente mehr dulden wollte: Mutter gehört zum Kind und umgekehrt, Schluss. Dieses Mantra lebt, trotz mächtiger Widerrede, bis heute fort, und die traurigen Augen des armen „Suchkindes“ Martina (Janina Fautz) verraten uns, wie das alles entstand.

Die Mutter Ursula Gothe (Christine Neubauer) hat im Krieg einen Leutnant geliebt, der nicht zurückkehrte und von dem sie ein Kind bekam. Auf der Flucht werden Mutter und kleine Tochter getrennt. Ursula bricht zusammen. Der Ingenieur Richard Gothe (Oliver Stritzel) gibt ihr neuen Lebensmut, heiratet sie, ein Sohn kommt zur Welt, alles ist gut geworden. Aber Richard ist ein autoritärer „Knochen“, der seine Frau gängelt, und Ursula unterwirft sich widerwillig.

Bis sie die Foto-Annonce entdeckt: „Suchkind 312“, und weiß: Das ist meine Tochter. Jetzt muss sie kämpfen und den ahnungslosen Richard aufklären. Als dann noch der totgeglaubte Leutnant vor der Haustür steht (wunderbar melancholisch: Timothy Peach) ist der dramatische Knoten perfekt geschnürt.

Als Film über die „Fifties“ hat das „Suchkind“ besondere Stärken, was die Schilderung des Geschlechterverhältnisses betrifft. Die arrogante oder auch joviale Dominanz der Männer kommt ebenso gut raus wie die nervöse, am Zügel zerrende Frau, die sich anpasst. Ursula, Gattin eines aufstiegsbewussten Egomanen, ist selbstverständlich berufslos – so wollen wir sie ja, unsere Fünfziger. Aber ihre Gegenspielerin, Frau Krawinke (Jana Hora), die sich ebenfalls als Mutter des Suchkindes ins Spiel bringt, ist eine knallharte Geschäftsfrau, Ursulas Schwägerin desgleichen. Die gab es damals nämlich ebenso, diese Vorläuferinnen der Emanzen im praktischen Sinn.

Was das Szenenbild (Ulrike Bauersfeld) und die Farbgebung betrifft, hat der Film sich erfolgreich bemüht, den Wohnkitsch und das Rot aus der Zeit des Wiederaufbaus noch einmal zum Glühen zu bringen. Und dass eine Frau Angora tragen sollte, ist auch so eine kleine Message nebenbei.

„Suchkind 312“, ARD, um 20 Uhr 15; „Wo ist meine Familie? Die Vermissten des Zweiten Weltkrieges“, ARD, um 21 Uhr 45

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