Frauen und Tiere : Missglückter Start

Das TV-Filmjahr beginnt bei ARD und ZDF mit klischeebelasteten Fernreisen nach St. Petersburg und Südafrika.

"Löwenmädchen" Lena (Silke Bodenbender) hat einen guten Draht zum König der Tiere. Der Film "Die Löwin" profitiert davon jedoch nur bedingt.
"Löwenmädchen" Lena (Silke Bodenbender) hat einen guten Draht zum König der Tiere. Der Film "Die Löwin" profitiert davon jedoch...Foto: ZDF

Katharina Böhm im Winterzauber von St. Petersburg, Silke Bodenbender im warmen Licht des südafrikanischen Buschlands: Mit zwei Frauen-Schicksalen an stimmungsvollen Schauplätzen eröffnen ARD und ZDF das Fernsehfilmjahr 2012. Den Ärger darüber, dass beide Filme – „Russisch Roulette“ im Ersten und „Die Löwin“ im Zweiten – von den öffentlich-rechtlichen Programmplanern zur selben Zeit angesetzt wurden, kann man sich allerdings sparen. Denn vom Ehrgeiz, beim Publikum gleich zu Jahresbeginn Lust auf mehr zu wecken, ist wenig zu spüren. Die Zeit der anspruchsvollen Neujahrs-Mehrteiler à la Dieter Wedels „Der große Bellheim“ ist ohnehin längst vorbei. Stattdessen: Eine russische Räuberpistole und ein an der Löwenmähne herbeigezogenes Mensch-Tier-Melodram, beides nicht halb so packend wie die allermeisten Wiederholungen, die zur selben Zeit auf vielen Sendern gezeigt werden. Das geht ja gut los.
Joseph Vilsmaier (Regie) und Rolf-René Schneider (Buch) dürfen in „Russisch Roulette“ im Ersten gleich in zwei Folgen die Geschichte einer Witwe ausbreiten, deren Mann in St. Petersburg erschossen worden war. Jahre später will sie ihrem achtjährigen Sohn die Stadt zeigen, doch in der U-Bahn verliert sie das Kind und stolpert ihm nun 180 wirre Minuten lang hinterher. Erstaunlicher Weise hat die ARD im Ankündigungs-Trailer bereits wichtige Details verraten. Ganz so, als wollte sie dem letzten bisschen Spannung auch noch den Rest geben. Von einer geheimen Organisation namens „Skorpion“ war da die Rede, und auch der Bösewicht wurde bereits enttarnt, wenn man genau hingeschaut hat. Eigentlich toll: Ein Trailer, der einem alles erzählt, so dass man sich den Film selbst tatsächlich sparen kann.
Kann man ja auch. Story und Auflösung sind unglaubwürdig, die Figuren nur Fremdkörper in russischer Kulisse. Der lokale Fernsehsender, bei dem Katherina Wagners (Katharina Böhm) erschossener Mann gearbeitet hatte, sieht aus wie ein billig inszenierter Ort im Nirgendwo. Im übrigen ist St. Petersburg prächtig, aber die Russen sind pures Klischee. Insbesondere die derbe Polizei-Domina im knappen Röckchen, die Verdächtigen den Schlagstock in den Bauch rammt und mit dem schmierigen Mafiaboss ins Bett steigt. Hier missrät die Kritik an den Zuständen in Russland, an Korruption und Polizeiwillkür, zu einer obszönen Altherren-Fantasie – und die Sache wird richtig ärgerlich. Nein, dieser Film aus Degeto-Produktion ist nicht zu retten, auch nicht von Katharina Böhm, die sich recht und schlecht mit ihrer Figur abmüht. An ihrer Seite taucht mit Heinz Hoenig ein Schauspieler aus der alten Wedel-Familie auf. Da wird man fast ein wenig wehmütig. Hoenig spielt eine Art Schutzengel für Katherina Wagner. Nicht mehr als ein kleiner Lichtblick im dunklen Russland.
Derart oberflächlich geht es in Südafrika immerhin nicht zu. Lena (Silke Bodenbender) kehrt in „Die Löwin“ an den Ort ihrer Kindheit zurück, auf eine Farm, auf der sie einst das glückliche „Löwenmädchen“ war, das sich mit den gefährlichen Raubkatzen bestens verstand. Bis ihr Vater von ihrem Lieblingslöwen getötet wurde. Als sie Jahre später mit ihrem Lebensgefährten Felix (Bernhard Schir) und ihrer Mutter Sarah (Ulrike Kriener) den kranken Großvater Jo (Gottfried John) besucht, erfährt Lena von den Umständen, die zum Tod des Vaters führten, und trifft zudem ihren besten Freund aus Kindertagen wieder. Der ist heute „Löwenflüsterer“ und heißt natürlich Daniel (Kai Schumann). Eine Grube gibt es aber nicht, sondern weites Land und echte Wildtiere in Freiheit.
Das musste ausgekostet werden: Zebras, Giraffen, vor allem aber die Löwen haben zahlreiche Auftritte. Einmal steht auch Silke Bodenbender einem dieser riesigen Raubtiere Auge in Auge gegenüber, in Wirklichkeit trennte beide noch ein elektrischer Zaun. Die Zusammenarbeit mit dem echten „Löwenflüsterer“ Kevin Richardson, der hier als Berater, Trainer und Double im Einsatz war, ermöglichte eindrucksvolle Tieraufnahmen. Und dass sich die in Südafrika aufgewachsene Autorin und Regisseurin Stefanie Sycholt ganz auf das Geschehen auf der Farm konzentriert und nicht auch noch die gesamte Geschichte des Landes samt Apartheid erklären will, lässt den Film allemal authentischer wirken als Vilsmaiers missratener Russland-Zweiteiler.
Doch die Geschichte zieht sich, ist gut gemeint und reich an Tieren, aber arm an Höhepunkten und auch nicht sehr einfallsreich inszeniert. Opa Jo hat zum Schutz der Raubkatzen eine Stiftung gegründet, die nun den umliegenden Farmern ein Dorn im Auge ist. So wird Lenas Familien- und Liebesdrama zwar um einen Artenschutz-Konflikt gewürzt, aber vor allem dank der Dialoge wähnt man sich doch nur bei Rosamunde Pilcher auf Safari. Und am Ende, pardon, sogar bei Loriot. Denn Lena entschließt sich, endlich mal wieder das Gespräch mit den Löwen zu suchen, was leider verblüffend an Loriots sprechenden Hund erinnert. Da verschlägt es selbst dem König der Tiere die Sprache.
„Russisch Roulette“; ARD, 2. und 3. Januar, jeweils 20 Uhr 15; „Die Löwin“; ZDF, 2. Januar, 20 Uhr 15

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