Free-TV-Premiere : Und ewig grüßt die Mupfel

Nach den Marionetten der Augsburger Puppenkiste und der Bühnenshow mit Dirk Bach zeigt Sat 1 am Samstagabend nun ein Animations-Urmel aus dem Computer.

Kurt Sagatz
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Coole Grafik meint die Generation Computer zum Kino-Urmel von 2006.Foto: Promo

Die kugelrunden Augen sind vor Schreck gigantisch aufgerissen – doch zu einem Urmel gehört dieses Gesicht sicherlich nicht. So sah das liebenswerte Urzeit-Baby, das die Augsburger Puppenkiste 1969 nach der Kinderbuchreihe von Max Kruse erschuf, ganz und gar nicht aus. Und auch Dirk Bach in der Fernsehneufassung von 2005 im grünen Urmel-Kostüm hatte keinen solchen Stachel im Gesicht. Und richtig: Was den Fernsehzuschauer da auf Sat1 am Samstagabend anglotzt, ist aus größerer Distanz gesehen eine immerhin urzeitliche Mücke, kurz bevor sie von einer ausgewachsenen Urmel-Mama eingesaugt und mit einem großen Nieser an den nächsten Baum befördert wird.

Die jüngste Neufassung des Kinderbuchklassikers ist ein Urmel-Animationsfilm, der 2006 in die Kinos kam und nun von Sat1 als Free-TV-Premiere zur Prime Time ausgestrahlt wird. Der Film beginnt, als alles begann – am Anfang der großen Eiszeit, die die Mücke zusammen mit einem Urmel-Ei in einen Eisberg einschließt, um Millionen Jahre später am Strand einer kleinen Südseeinsel namens Titiwu angetrieben zu werden. Dort trifft das Urmel bekanntlich auf den eigenwilligen Professor Habakuk Tibatong mit seinen sprechenden Tieren Wutz, Wawa, Ping und Schusch. Besser nicht treffen sollte es König Pumponell, der auf seiner Suche nach der nächsten Trophäe ein gefährliches Interesse für das Urmel entwickelt.

Immerhin: Bei der Handlung blieben die Hannoveraner Animationsspezialisten nahe am Original. Die Optik jedoch, computererprobte Kinder sprechen von einer „coolen Grafik“, hatte ganz andere Vorbilder. Filme wie Ice Age oder andere Werke von Disneys Pixar-Studios („Monster AG“, „Findet Nemo“) standen Pate. Am Ende herausgekommen ist die Ästhetik eines gut gemachten PC-Spiels. Mit sehr viel Aufwand und Liebe zum Detail wurde jedes Fellhaar von Pinguin Ping animiert und die Kinnfalten des See-Elefanten wiegen eindrucksvoll im Takt seiner Balladen. Doch selbst mit der perfektesten Technik lässt sich der hölzerne Charme der Augsburger Marionettenfiguren mit den cellophanbespannten Meereswogen nicht erzeugen. Und auch die Sat-1-Bühnenshow mit Riesenbaby Dirk Bach als Urmel, Heinrich Schafmeister als Professor und Barbara Schöneberger als schmollendes Schwein hatte weit mehr Seele als jede computeranimierte Kinofassung. Dabei enthält diese Urmel-Adaption durchaus bemerkenswerte Überraschungen. Richtig menschlich wird das tierische Märchen jedoch nicht durch die Bilder, das müssen die Sprecher leisten. Besonders gelungen: Wigald Boning als Professor Tibatong, Anke Engelke als Wutz und vor allem Wolfgang Völz als trauriger See-Elefant.

Mit dem Marionetten-Urmel von einst lockt man die Kinder von heute nicht mehr vor den Flachbildfernseher. An das menschliche Dirk-Bach-Urmel kommt der digitale Ersatz zwar nicht heran, dennoch ist dieser Film beste Familienunterhaltung, egal, ob man dieses Märchen nun zum ersten Mal erzählt bekommt oder sich mit leichter Wehmut an den TV-Vierteiler aus der längst vergangenen Kindheit erinnert: In Wawas Mupfel ziehen Mond und Sterne immer noch ihre ewig lockenden Bahnen – Mücke hin oder her.

„Urmel aus dem Eis“, Sat 1, 20 Uhr 15

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