Freispruch in Athen : „Focus“ wird nicht für „Stinkefinger“ belangt

Im Februar 2010 titelte der "Focus" mit einer Geschichte über "Betrüger in der Euro-Familie" - gemeint waren die Griechen. Sie reagierten empört auf den Text und brachten die Magazinmacher aus München vor Gericht. Jetzt haben die Richter entschieden.

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Helmut Markwort, der Herausgeber des Magazins „Focus“, kann aufatmen. Und auch fünf Mitarbeitern des Wochenmagazins aus München wird ein Stein vom Herzen fallen: Sie müssen nicht ins Gefängnis. Ein Athener Gericht sprach die sechs Angeklagten am Dienstag vom Vorwurf der Verunglimpfung der Symbole des griechischen Staates frei. Im Fall eines Schuldspruchs hätten den Angeklagten bis zu zwei Jahre Haft gedroht.
Es ging um jene Titelgeschichte, mit der der „Focus“ am 22. Februar 2010 an die Kioske kam: „Betrüger in der Euro-Familie“ lautete die Schlagzeile – eine Anspielung auf die Bilanzkosmetik, mit der sich der Schuldenstaat Griechenland Ende der 90er Jahre in die Eurozone gemogelt habe, wie das Magazin schrieb. Das Titelbild des „Focus“ zeigte in einer Fotomontage die Statue der Liebesgöttin Aphrodite. Sie ballt die Faust und streckt den Mittelfinger aus – was wohl so viel sagen sollte wie: Europa kann mich mal... Das Titelbild und die Story, die „2000 Jahre Niedergang von der Wiege zum Hinterhof Europas“ beschrieb, löste in Griechenland eine Welle der Empörung aus. Das Boulevardblatt „Eleftheros Typos“ revanchierte sich mit einer Montage, die ein Hakenkreuz auf der Berliner Siegessäule zeigte. Angeführt vom Rechtsanwalt Theodoros Frangakis zogen sechs Griechen vor Gericht.

Die Angeklagten aber wurden nun freigesprochen. So sei das Wort von den „Betrügern“ in der Euro-Familie nicht auf das griechische Volk gemünzt sondern auf griechische Politiker, befand das Gericht. Auch die Schmerzensgeld-Forderungen der Kläger wies das Gericht ab. „Wir freuen uns“, sagte Vassilis Karkazis, einer der Verteidiger. Mit dem Urteil habe sich Griechenland als ein Rechtsstaat gezeigt. Nicht glücklich war Kläger Frangakis: „Ich missbillige das Urteil“, sagte er. Mit der Entscheidung habe „die griechische Justiz akzeptiert, dass die Griechen Betrüger sind, korrupt sind und keine Steuern bezahlen“. Ob die Kläger gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen werden, war zunächst offen. Gerd Höhler, Athen

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