Medien : Friedrich Merz: Blattmacher für einen Tag

Bernd Matthies

"Wer", fragt Friedrich Merz und beugt seinen Oberkörper weit nach vorn, "wer entscheidet das? Der Chefredakteur?" Ja, wird ihm bedeutet, das entscheidet der Chefredakteur. Und weil der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag an diesem Tag der Chefredakteur ist, gibt er sich einen Ruck und entscheidet: "Wir machen den außenpolitischen Leitartikel morgen, und Berlin am Wochenende." Die Redaktion staunt - gerade war die Stimmung nach einer intensiven Diskussion über die Finanzlage Berlins sanft ins Kippen geraten, noch ein paar Minuten weiter ... So kommt es, dass sich der heutige Tagesspiegel-Leitartikel dennoch mit den außenpolitischen Konsequenzen der Protokoll-Affäre befasst: Merz hat es beschlossen. "Ja, ab heute ist hier einiges anders", scherzt er hinterher; "nur heute" wäre freilich zutreffender gewesen.

Rollentausch zwischen Politik und Journalismus zwecks vertiefender gegenseitiger Erkenntnis - das ist die Idee dieser Aktion des Berliner Vereins "Werkstatt Deutschland". Am Montag hatte Tagesspiegel-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo den ersten Schritt getan, in die Fraktionssitzung der Bundes-CDU, kam aber nicht dazu, die Richtlinien der christdemokratischen Politik zu ändern, denn auf dem Programm stand eine dreistündige Debatte über die aktuellen Fragen der Gentechnik und Gendiagnostik, ganz ohne Beschlüsse. Hinterher war er erstaunt über den sachlichen, persönlichen Charakter der Diskussion, die ohne polemische Untertöne auskam, zumal andere, eventuell strittige Fragen etwa zur Kanzlerkandidatur der CDU/CSU eher en passant in Nebenräumen diskutiert wurden. Einen Mangel an straffer Führung stellte di Lorenzo, von der Tageszeitung an Tempo gewöhnt, dann doch fest: Wegen der Länge der Beiträge kamen längst nicht alle Abgeordneten, die sich meldeten, auch zu Wort.

Der Chefredakteur Merz dagegen muss an diesem Dienstag Entscheidungen treffen, auch wenn es bei der Frage nach dem Leitartikel-Thema eine Weile so scheint, als wolle er lieber ausweichen. Denn Berlin interessiert ihn notwendigerweise ebenso wie die Außenpolitik. Er gibt also deutlichen Überdruss an der "Regierungsunfähigkeit in der Stadt" zu Protokoll, merkt mahnend an, dass die kulturellen und politischen Probleme Berlins dem Rest der Republik völlig egal seien, und er formuliert eine Art Forschungsauftrag, gern auch als Wochenendserie: "Wie wird Berlin als deutsche Hauptstadt regiert, und wie fügt es sich in den föderalen Kontext?" Andererseits sieht er die deutsche Außenpolitik nicht nur wegen des durchgesickerten Protokolls, sondern auch wegen der Differenzen mit Frankreich in einer bedenklichen Schieflage. Di Lorenzo ergänzt ohne Namensnennung, ein prominenter Abgeordneter habe in der Fraktionssitzung formuliert, es gebe einen "Verfall wie nach Bismarcks Rücktritt 1890", doch Merz distanziert sich vorsichtig: "Da gab es aber auch deutliches Gemurmel." Egal: Der Leitartikel gehört der Außenpolitik.

Ein guter Chefredakteur hört auch in einer Konferenz vor allem zu und entdeckt Lücken - Merz zeigt in dieser Richtung ausgeprägtes Talent. "Haben Sie die KFOR-Entscheidung am Donnerstag auf dem Schirm?" fragt er flott, wenn auch nicht unbedingt im redaktionstypischen Vokabular, und die Verantwortlichen haben - ups! - für einen guten Tipp zu danken. Kein Wunder, sagt Merz und fällt kurz in die Rolle des Fraktionschefs zurück, bei der Mandatsverlängerung müsse man ja schließlich auch über den CDU-Vorbehalt reden.

Dann wieder Zuhören. Merz hält seine imposante Körpergröße in Bewegung, beugt sich immer dann gespannt nach vorn, wenn seine Partei erwähnt wird, klopft manchmal ungeduldig mit beiden Daumen auf den Tisch, tippt sich an die Nase. Wenn ihm vorsichtig Absicht zum Erfolg unterstellt wird, ist er generös: "Unterstellen Sie das ruhig", nämlich, dass die CDU/CSU in der Gendiagnostik eine PR-Chance bewusst genutzt habe und nun die Diskussion anführe. Kritik am Blatt formuliert er nicht, schließt sich aber bei einem Thema an: Als der Blattkritiker auf den Überdruss vieler Leser an den hart angeschnittenen Porträtfotos hinweist, setzt Merz schnell nach: "Das mögen die Betroffenen übrigens auch nicht!" Da weiß einer, der schon ungezählte Hinterköpfe und Stirnpartien verloren hat, wovon er redet.

Dann ist die ungewohnte Arbeit erledigt, und Merz darf das Handy wieder einschalten, sein Referent auch. Ob die Fraktion das gut einstündige Funkloch unbeschadet überstanden hat? Abends gibt es einen Nachschlag: Merz kehrt zurück ins Tagesspiegel-Amt und muss über die Schlagzeilen befinden. Einige handeln von der CDU - das gefällt dem Ein-Tages-Chefredakteur.

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