Friedrich Moll im Interview : „Fernsehen ist, wenn die Krawatte sitzt“

Nach siebzehn Jahren moderiert Friedrich Moll am Freitag zum letzten Mal die „Abendschau“. Danach geht er segeln.

Friedrich Moll
Friedrich Moll moderierte seine erste "Abendschau" am 27. März 1990. Am Freitag führt er ein letztes Mal durch die Sendung. -Foto: Schulz/RBB

Herr Moll, als Ihre Ex-Kollegin Ulrike von Möllendorff den damaligen SFB verließ, sagte sie: „Ich mache drei Kreuze, dass ich diesem Laden nicht mehr angehöre.“ Sind Sie auch so heilfroh?

Ganz ehrlich und tief empfunden: Ich gehe mit einem weinendem Auge, weil ich mit diesem Sender und natürlich ganz besonders mit der „Abendschau“ tief verwurzelt bin. Das andere Auge lacht, weil ich in den Vorruhestand gehe, was ich für mich mit „lange vor dem Ruhestand“ übersetze. Ich habe noch viel vor und fühle mich jung genug dazu. Ich war siebzehn Jahre dabei. Irgendwann reicht es.

Sind Sie auch ein bisschen erschöpft nach den siebzehn Jahren?

1990 habe ich angefangen. Nach drei, vier Jahren gab es tatsächlich eine Phase, in der ich nah dran war zu verzweifeln, weil ich glaubte, alle Themen dieser Stadt schon mindestens zehn Mal durchgenudelt zu haben und mir nicht vorstellen konnte, das so weitermachen zu können. Danach ging es komischerweise doch weiter. Und zwar ohne Probleme.

Also keine Erschöpfung.

Sehe ich wirklich so müde aus? Ich gebe ja zu, manchmal denke ich immer noch, bitte, bitte nicht schon wieder dieses Thema. Es gibt Themen, bei denen alle, die Zuschauer, der Gast und der Moderator alle Fragen und alle Antworten schon vorher kennen. Und trotzdem: Wir kommen an diesen Themen einfach nicht vorbei, weil sie zur Stadt gehören. Integration ist so ein Thema. Man muss immer wieder darüber reden. Die Finanzsituation Berlins ist auch so ein Thema.

Sie meinen die Finanzen Ihres berühmten „Herrn Stöhr“, als den Sie einmal den Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin angesprochen haben.

Ich bin wirklich froh, den Fall Stöhr erlebt zu haben. Die Zuschauer lieben solche Pannen. Das mit dem Stöhr ist mir einfach so rausgerutscht, hat mich allerdings ziemlich aus der Fassung gebracht, weil ich mich während des ganzen Gespräches mit Thilo Sarrazin gefragt habe, wer um Gottes willen ist dieser Stöhr und wie komme ich bloß auf ihn. Sarrazin, der das Ganze locker genommen hat, sagte nach dem Gespräch auf seine trockene Art zu mir, guter Laden, da gehe ich auch oft hin. Da fiel’s mir wie Schuppen von den Augen.

Die „Abendschau“ gilt als unwandelbar. Ist das so?

Das Gefühl habe ich nicht. Wir haben zum Beispiel x-mal unsere Studiodeko geändert. Auch die Machart der Beiträge hat sich radikal verändert. Ich muss lachen, wenn ich sehe, was ich vor zehn Jahren gemacht habe. Das war eine andere Welt.

Die „Abendschau“ muss damit leben, immer wieder als Provinzfernsehen gescholten zu werden. Auch Sie haben einmal gesagt: „Wir machen Provinzfernsehen“.

Das war natürlich ironisch gemeint. In der Tat, wir machen Fernsehen für die Provinz Berlin. Wenn man Berlin für Provinz hält, dann machen wir Provinzfernsehen. Das ist unser Job. Was dem Tagesspiegel der Lokalteil, das ist dem RBB die „Abendschau“. Ist deshalb der ganze Tagesspiegel provinziell?

Aber könnte nicht zum Beispiel die Bundesregierung, die ja auch in Berlin sitzt, etwas öfter vorkommen?

Wenn sie sich mit der Provinz Berlin beschäftigt, dann kommt sie auch vor. Wenn nicht, dann nicht. Wir sind ja nicht die „Tagesschau“.

Aber Sie sind für die Älteren da, ab 60. Das Durchschnittsalter Ihrer Zuschauer liegt bei 61.

Wir bemühen uns sehr, auch das neue Berlin zu zeigen. Dafür sorgen schon unsere jüngeren Kollegen. Aber wenn Sie uns unbedingt Piefigkeit vorhalten wollen, dann sehen Sie sich bitte mal andere Regionalprogramme an. Eine andere Sache ist: die Jüngeren vor die „Abendschau“ zu locken. Eine harte, wenn nicht unlösbare Aufgabe.

Das heißt: Sie kommen nicht vorwärts, machen aber trotzdem alles richtig.

Wir machen eine höchst erfolgreiche Sendung. Aber es gibt Grenzen. Ich fürchte, der Sättigungsgrad ist erreicht. Wenn ich mit meinen Söhnen durch Kreuzberg ziehe, dann erkennt mich da kein Mensch, jedenfalls kein Türke oder Libanese. Ich kann da völlig ungestört lustwandeln. Das finde ich privat gut. Es zeigt aber auch, dass solche Kieze Terra incognita für die „Abendschau“ sind.

Wird ein Moderator von jungen 35 Jahren, so alt ist Ihr Nachfolger, da weiterhelfen?

Es gibt die Hoffnung. Ich allerdings möchte da keine Prognose wagen.

Ein fünf Jahre alter Junge wird in Tempelhof angefahren – und die „Abendschau“ meldet das. Ist das nicht ein bisschen zu klein für eine Weltstadt?

Das war eine berührende Meldung. Und deshalb gehört sie in die „Abendschau“. Ich habe nichts gegen Kleinteiliges. Was interessiert denn die Menschen? Wie das Wetter ist, ob mich mal wieder jemand zugeparkt hat, fahren U- und S-Bahnen, das interessiert die Menschen. Winzige Geschichten, sicher. Natürlich sind Afghanistan und Irak wichtiger. Aber das ist nicht unser Job. Unser Job ist es, das Lebensgefühl des Tages der Menschen in Berlin einzufangen.

Sie galten mal als Linker. Das heißt: als kritisch.

Nächste Frage. Im Ernst: Ich habe diese Frage nicht so gern. Natürlich habe ich eine Meinung, aber meine missionarischen Ambitionen sind immer sehr begrenzt gewesen. Das haben zwar Herren wie zum Beispiel der Herr Landowsky anders gesehen, wie ich mich erinnert habe, als ich neulich in alten Briefen stöberte. Aber: Ich habe sie alle überlebt.

Ist Fernsehen wichtig, macht es größer?

Schon allein die Tatsache, dass Sie mit mir hier ein Gespräch führen, zeigt, wie hoffnungslos überschätzt Moderatoren sind. Nur weil Sie mir bei der Arbeit zuschauen können, heißt das noch lange nicht, dass ich wichtig bin. Außerdem hört ja doch keiner zu. Wenn wir senden, mümmeln die Leute ihr Abendbrot oder machen sonst was. Wir werden quasi nebenbei gesehen. Die Leute interessiert viel mehr, was wir anhaben, als das, was wir sagen.

Fernsehen ist …

… Fernsehen ist, wenn die Krawatte korrekt sitzt. Das habe ich viel zu spät begriffen. Oder wollte es nicht begreifen. Ich wollte immer als Journalist gesehen werden. Nicht als Kleiderständer.

Was haben Sie jetzt vor?

Nichts. Die nächsten beiden Monate werde ich auf meinem Boot verbringen. Dann wird man sehen.

Bootfahren ist ja schön und gut. Aber hätten Sie nicht viel lieber weiter „Abendschau“ gemacht?

Hätte ich mir auch vorstellen können. Aber so ist es auch in Ordnung.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben