Medien : Friedrichs-Fernsehpreis: Gaus, Kluge, Ruge

Marianne Kolarik

Geladen war ins Studio B des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Studio B liegt zwei Stockwerke unter der Erde. Ein noch geschützterer Ort lässt sich für eine Preisverleihung kaum denken. Die Treppen nach unten nehmen kein Ende. Aber es gibt Aufzüge. Und einen Pförtner, der Herr ist über die Gästeliste. Auf der stehen an diesem Montagabend so ziemlich alle klingenden Namen des "Elder Journalism", wie Klaus Bresser, Harry Valérien und Jürgen Leinemann. Um nur einige aus der Jury zu nennen, die den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis verleiht. In diesem Jahr wurden drei Journalisten zugleich geehrt: Günter Gaus (71), Alexander Kluge (69) und Gerd Ruge (73). Vorgestellt von Gabi Bauer - die ehemalige "Tagesthemen"-Moderatorin hatte hier ihren ersten öffentlichen Auftritt nach der "Babypause".

Als ersten bittet sie Günter Gaus zu Tisch. Genauer: zum Gespräch über seine preiswürdige journalistische Arbeit und seine Zeit als Diplomat. Die Kollegen der Zunft werden von ihm hart rangenommen. Viel zu wichtig nähmen sich viele von ihnen. Das saß. Nicht viel gnädiger geht kurz darauf Alexander Kluge mit dem Fernsehen ins Gericht. In einer Welt, die einer Wildnis gleiche, hätte dieses Medium die Aufgabe, Erfahrungen und Orientierung zu vermitteln. Aber statt der Suche nach "lustvoller Wahrheit" würden die Verantwortlichen "planwirtschaftlich" agieren. Der Witz des mit 5000 Mark dotierten Preises an einen wie Kluge lag allerdings in dessen vehement vorgetragenem Bekenntnis zum Buch. Er sehe sich eher als einer, der der 47 vor Christus verbrannten Alexandrinischen Bibliothek nachtrauere, denn als Fernseh-Mann. Ausgezeichnet wurde er als "Vordenker des Autorenkinos" und "Initiator der deutschen Filmförderung". So zumindest stand es in der offiziellen Begründung. Für die Wahl von Gerd Ruge hatte man sich elegant aus der lobhudelnden Affäre gezogen, indem Ruge "als eine Klasse für sich" geehrt wurde. Qualifiziert habe den Journalisten "Neugier, seine unerschütterliche Präsenz und sein unbefangener Blick auf die weite Welt".

Unerschütterliche Präsenz bewies dabei vor allem der Laudator: Harald Schmidt zeigte dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie man im Rahmen einer Veranstaltung von staatstragender Steifheit ebenso persönlich gefärbte wie hinterlistige Anmerkungen unterbringt. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Terroranschläge in den USA den Kollegen ein neues rhetorisches Stilmittel beschert habe: "Seit dem 11. September ... ". Auch er hätte bis dahin in der Illusion gelebt, "dass ich wusste, was ich sagen sollte". Und Schmidt sprach mit dem "ganz zarten Hinweis" auf die bislang unbekannte Form des Macho-Terrorismus einen wenig beachteten Aspekt in der Berichterstattung an. In Frauenzirkeln höre man es raunen, dass bin Laden "so sanfte Augen" habe. Das sei doch mal eine Abwechslung zu den ewigen Aufnahmen Turban tragender Männer. Und noch einen wertvollen Hinweis lieferte Schmidt: Warum nicht einmal die Interviews von "Titanen" wie Günter Gaus in Schulbüchern abdrucken? Zum Beispiel. Das könnte auf die Schüler eine ebenso bleibende wie tröstliche Wirkung haben wie seinerzeit die Pelzmütze von Gerd Ruge auf den inzwischen richtig erwachsen gewordenen Laudator Schmidt. Ruge und seine Mütze auf dem Roten Platz in Moskau hätten signalisiert, dass die Welt noch in Ordnung sei.

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