Medien : Frische Luft überm Lerchenberg

Adenauer-Fernsehen wurde das ZDF genannt, als es vor 40 Jahren in Mainz auf Sendung ging. Immer wieder litt das ZDF unter den Folgen des Parteienproporzes. Den Machern des Zweiten gelang es dennoch, die Qualität des Programms zu steigern

Dietrich Leder

Die Fernsehsender kommen in die Jahre. Kaum ist das 50-jährige Dienstjubiläum des Ersten Programms vorbei, feiert das ZDF den 40. Jahrestag seines Sendestarts. Am 1. April 1963 begann es seinen ersten Programmtag um 19 Uhr 05 mit der fünfzehnminütigen Ausstrahlung des Testbildes, an die sich die zehnminütige Sendung der Senderkennung – unterlegt mit der Ouvertüre von „Oberon“ – anschloss. Dann sprach der Intendant des Senders, Karl Holzamer, ehe die Nachrichtensendung „heute“ zu sehen war. Später wurde das „Vorspiel auf dem Theater“ aus Goethes „Faust“ gezeigt, das schon beim Start des Ersten Programms eingesetzt worden war.

Das ZDF verdankt seine Gründung indirekt der Absicht der aus CDU/CSU und FDP gebildeten Bundesregierung Ende der 50er Jahre, ein ihr politisch genehmes, nationales Fernsehprogramm zu errichten. Doch das von ihr an den Bundesländern vorbei initiierte „Deutschland-Fernsehen“ wurde noch vor dem Start vom Bundesverfassungsgericht am 28. Februar 1961 verboten. Die Gründung eines regierungsnahen Fernsehens verstoße gegen das Grundgesetz und greife in die Rechte der Bundesländer ein, schrieben die Richter in der Begründung.

Die von Kanzler Adenauer brüskierten Bundesländer ergriffen die Chance, ein zweites deutsches Fernsehen nach eigenen Maßstäben zu etablieren. Im Juni 1961 wurde der Staatsvertrag über die Gründung des ZDF unterzeichnet. Nominell sieht er eine große Ferne zu den Parteien vor. Das Kontrollorgan des Fernsehrates setzt sich so bis heute mehrheitlich aus Vertretern der gesellschaftlich relevanten Gruppen zusammen. Doch die werden nach parteipolitischem Schlüssel ausgewählt. Kein Wunder, dass sich im Fernsehrat schnell zwei Freundeskreise um die beiden Volksparteien bildeten. Sie legten schon vor den ersten Wahlen fest, wie die Führungsposten zu vergeben wären. Dieser nach Parteieninteressen ausgeklügelte Personalproporz, der bis auf die mittlere Redaktionsebene durchschlägt, verleiht dem Sender die Schwerfälligkeit eines Tankers.

Zum ersten Intendanten wurde mit Karl Holzamer nicht nur ein ordentlicher Professor, sondern ein umso ordentlicheres CDU- Mitglied des Fernsehrates gewählt. Ihm sollte 1977 Karl-Günther von Hase folgen. Er war der Kompromisskandidat, auf den sich die beiden Freundeskreise in allerletzter Sekunde einigten. Am Ende seiner Amtszeit wurde 1982 Dieter Stolte zum Intendanten gekürt. Er sollte dem Sender bis 2002 vorstehen. Bei der Wahl seines Nachfolgers wiederholte sich das Drama von 1977 als Farce. Nach mehrwöchigem Wahlkampf wurde mit Markus Schächter der amtierende Programmdirektor gewählt. Auf ihn hätte man sich schon beim ersten Wahlgang verständigen können.

Zum Sitz des Senders wurde 1962 mit Mainz die Landeshauptstadt von Rheinland- Pfalz bestimmt, weil sich der CDU-Ministerpräsident dieses Landes so sehr für den neuen Sender eingesetzt hatte. SPD-Politiker wandten damals ein, Mainz sei als Standort für einen nationalen Sender zu provinziell. Doch dem Mitbewerber Düsseldorf fehlte eine Stimme. Spätestens seitdem der Sender in den Mainzer Vorort Lerchenberg gezogen ist, wo er in naher Zukunft sogar einen Medienpark errichten möchte, ist das ZDF in der tiefsten Provinz angelangt.

Am Anfang ächzte das ZDF-Programm unter den Vorgaben des Pädagogik-Professors Holzamer. Es wurden Erziehungsratschläge erteilt, Lebenshilfe vermittelt, medizinisches Wissen an den Zuschauer gebracht, und juristische Verfahren wurden durchdekliniert – lange vor den Gerichtsshows. Eduard Zimmermann rief erst „Vorsicht Falle“, ehe er ab 1967 in „Aktenzeichen XY – ungelöst“ auf Verbrecherjagd ging. In der Unterhaltung setzte der junge Sender auf bekannte Köpfe. Von der ARD warb man Unterhaltungsstars wie Peter Frankenfeld ab, der ab 1964 in der Show „Vergissmeinnicht“ die Postleitzahlen popularisierte, ehe er in den 70er Jahren „Musik ist Trumpf“ versprach. Der Holländer Lou van Burg ließ im „Goldenen Schuss“ die Zuschauer über Telefon mitspielen, ehe er 1967 wegen einer sittlichen Verfehlung (er lebte von seiner Ehefrau getrennt) die moralische Anstalt ZDF verlassen musste und durch den Sänger Vico Torriani ersetzt wurde. Weiteres Markenzeichen der frühen Jahre: Hans Rosenthal mit seinem Quiz „Dalli, Dalli“, Peter Alexander mit seiner Personality-Show und die „ZDF-Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck. Erfolgreiche Fernsehunterhaltung für die gesamte Familie. Davon ist dem Sender heute nur „Wetten, dass …?“ geblieben.

Bei den jüngeren Zuschauern wurde der Sender mit amerikanischen Serien populär. Bis in die 80er Jahre hinein waren „Bonanza“ (ab 1967), „Daktari“ (ab 1969), „Straßen von San Francisco“ (ab 1974), „Starsky und Hutch“ (ab 1978) und das zum „Denver- Clan“ (ab 1983) umgetaufte „Dynasty“ Publikumsmagneten. Die Rechte erwarb der Sender bei einem Filmhändler namens Leo Kirch, der sich in den 70er Jahren durch geschickte Einkaufspolitik, clevere Paketverkäufe und gezielte Kontaktpflege so etwas wie ein Monopol im Sender verschaffte. Als der „Spiegel“ 1976 diese Abhängigkeit publik machte, versprach das ZDF, die Zahl der Kirch-Käufe zu senken. Doch der Filmhändler bediente sich bis zu seiner Insolvenz immer wieder Firmen, die ihm offiziell nicht gehörten und so als unabhängige Produzenten und Verkäufer für das ZDF tätig wurden. Die Geschichte der Liaison zwischen Kirch und dem ZDF ist noch ungeschrieben.

An die Seite der amerikanischen Serien traten bald deutsche: „Der Kommissar“ nahm 1969 seine Arbeit auf. „Derrick“ folgte 1974, die „Soko 5113“ 1978. In den 80er Jahren räumten dann die großen melodramatischen Schnulzen „Das Traumschiff“ (ab 1982) und „Die Schwarzwaldklinik“ ab. Das ZDF rückte zu dieser Zeit dem Ersten Programm an der Quotenfront beträchtlich nahe. Der Sender schien das Patent für Erfolg zu besitzen. Doch der hing von einzelnen Redaktionsleitern wie Heinz Ungureit oder Peter Gerlach ab. Sie hatten die Ideen und – wichtiger noch – die Kontakte zu Produzenten wie Wolfgang Rademann. Aber auf einen höheren Posten als den des stellvertretenden Programmdirektors konnte beispielsweise Gerlach nicht klettern. Denn er war SPD-Parteimitglied, und den Programmdirektor stellt traditionell die CDU. So schied 1984 der kreativste Kopf des Senders aus. Und ging zur frisch gegründeten privaten Konkurrenz.

Die Krise, in die das ZDF Anfang der 90er Jahre mit dem Erstarken der privaten Sender schlitterte, war also zum Teil hausgemacht. Zu einem anderen Teil resultierte der Quotenverlust aus der Tatsache, das RTL und Sat 1 Konzepte des ZDF kopierten und sie ohne jedwede gesellschaftliche Verpflichtung entschiedener umsetzten. Interne Planungsfehler kamen hinzu. Lange Zeit hatte das ZDF ignoriert, dass sein Publikum älter ist als der Durchschnitt der Zuschauer. Versuche, ein jüngeres Publikum handstreichartig zurückzugewinnen, gingen katastrophal schief. Die Folge waren dramatische Rückgänge der Werbeeinnahmen. Gleichzeitig stiegen die Kosten (Gagen, Film- und Sportrechte), und es mussten weitere Kanäle unterhalten werden. Heute ist das ZDF an dem von ihm mitbegründeten Kulturkanal 3 sat, am europäischen Sender Arte, am Informationskanal Phoenix und am Kinderkanal beteiligt. Darüber hinaus bietet der Sender in Digitalpaketen einen Theater- und einen Dokumentationskanal an. Das alles muss von 1,4 Milliarden Euro Gebühreneinnahmen und 147 Millionen Euro Werbeeinnahmen bezahlt werden.

Trotz der jahrzehntelangen Abhängigkeit von Kirch, trotz des provinziellen Mainzer Miefs und des personalpolitischen Parteiproporzes war und ist das ZDF bis heute ein Sender, in dem ungewöhnliche Programme entstanden und entstehen. Die Listen des Grimme-Preises sind voll mit ZDF-Produktionen. Auf ihnen finden sich Namen wie Günter Gaus („Zu Protokoll“), Georg Stefan Troller („Personenbeschreibung“), Hans Dieter Grabe („Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“), Eberhard Fechner („Tadellöser & Wolff“) und Egon Monk („Die Bertinis“), Magazine wie „Direkt“, „Betrifft Fernsehen“, Reihen wie „Spielraum“ und Serien wie „Unser Walter“. Solche Qualitätssendungen sind auch im täglichen Angebot zu finden. Beispielsweise bei den am Montagabend laufenden Fernsehfilmen. Die von Hans Janke geleiteten Redaktionen haben seit Jahren schon zu einer Mischung gefunden, in denen leichtgängige unterhaltende Produktionen (etwa die Mehrteiler von Dieter Wedel) neben bodenständigen (die klassischen Themen-Fernsehfilme) und filmisch anspruchsvollen (etwa von Dominik Graf oder Christian Petzold) Platz finden. Die Redaktion „Kleines Fernsehspiel“ ist die wichtigste Anlaufstation für den Filmnachwuchs. Und die Serienredaktion steuert nicht nur das Schwarzbrot des Werberahmenprogramms bei, sondern auch schöne Krimiserien wie „Sperling“ oder „Unter Verdacht“.

Die Politikredaktionen haben Ende der 90er Jahre unter Chefredakteur Nikolaus Brender aus der Starre politischer Zurechnungen, die Anfang der 70er Jahre das politisch austarierte Duopol aus „ZDF-Magazin“ und „Kennzeichen D“ hervorbrachte, herausgefunden. Die Nachrichtensendungen haben ihre Qualität und Quantität ausgebaut. Und auch das Korrespondentennetz ist personell besser ausgestattet worden. Über Guido Knopp und seine Geschichtssendungen kann man nicht sonderlich viel Gutes sagen. Aber sie sind erfolgreich. Und Erfolg hat der Sender fast so nötig wie die nächste Gebührenerhöhung. Sollte diese ausbleiben, kommen auf Markus Schächter schwere Zeiten zu. Doch der Intendant, der zunächst nur wie eine Verlegenheitslösung wirkte, hat in das blaue Hochhaus auf dem Lerchenberg Frischluft geblasen. Anders als in den letzten Dienstjahren seines Vorgängers darf auf der Leitungsebene wieder diskutiert werden. Kein schlechtes Zeichen für den Jubilar.

Der Autor ist Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar