Medien : "Frontal 21": "Hart, fair, unerschrocken"

Mechthild Zschau

"Frontal" und "Kennzeichen D" sind tot. Es lebe "Frontal 21". "Frontal" wie bei Kienzle und Hauser, denn "Markenzeichen gibt man nicht ohne Not auf", sagt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Und 21 wie 21 Uhr oder 21. Jahrhundert, denn "junge Leute mögen irgendwie Ziffern". Alter Name, neuer Inhalt? Oder ganz alter?

Was klingt wie eine Pille oder ein gefährliches chemisches Element, verspricht ein neues, politisch-zeitkritisches Magazin zur besten Sendezeit, das die Qualitäten der beiden abgeschafften nicht nur bewahren, sondern gar übertreffen will. Brender umreißt die Ziele mit folgenden Schlagworten: "Unabhängigkeit, kritische Betrachtung der Politik, pointierte Darstellung der gesellschaftlichen Situation hier in Deutschland, unterschiedliche Meinungen. Unerschrocken (!). Investigativ."

Nein, ergänzt der neue Redaktionsleiter und Moderator Claus Richter, den Magazin-Journalismus könnten sie keineswegs neu erfinden. Sie könnten lediglich zurückkehren zu den guten alten klassischen Kriterien - als da wären: Seriosität, Kompetenz, sprachliche Sauberkeit, viel eigene Recherche, "Hardcore-Fakten" und schließlich "nachhaltige Information".

Nanu, hat das ZDF nun doch noch in letzter Sekunde das Ruder herumgeworfen, alle Pläne zur Boulevardisierung der Magazine, zu einem "Frontal light" in den Orkus gekippt und sich lieber seiner öffentlich-rechtlichen Verantwortung besonnen? Es sieht so aus. Und dem Publikum wie dem Image des Senders vom Mainzer Lerchenberg kann das nur Recht sein.

Dem Zeitgeist will es nun nicht länger hinterherhecheln - nicht um jeden Preis, weder formal noch inhaltlich. Schnelle Schnitte, ruppige Töne, schrille, aggressive Wortwahl hält die Redaktion für ebenso veraltet wie die Kienzle-Hausersche Konfrontation von Rechts und Links. Also zurück zur Klassik.

Vier bis fünf Beiträge von jeweils sechs bis sieben Minuten Länge soll es geben, aber auch mal größere Schwerpunktthemen. Von Berichten über Glossen bis hin zu Portraits ist jede journalistische Form möglich. Ebenso breitgefächert soll das Themenspektrum sein: zwischen Politik, Sozialem, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport und auch ein bisschen Kultur. Die Grundierung liefern die dauerhaften Großthemen. Darunter versteht Chefredakteur Brender etwa "die soziale Gerechtigkeit, der Kampf gegen Rechtsradikalismus, die Integration der neuen Bundesländer oder die Rolle Deutschlands im europäischen Einigungsprozess". Und dabei gilt laut Brender das Credo: Die Berichterstattung muss "hart, aber fair" sein.

Konkret arbeitet die 15-köpfige Redaktion derzeit an Fragen wie jener nach dem Umgang der Finanzämter mit rechtsradikalen Organisationen; nach den Ursachen der Seuche BSE und der Haltung der deutschen Regierung seit Helmut Kohl zu diesen Informationen; nach dem Verhalten von Versicherungskonzernen gegenüber ihren Kunden; nach illegalem Handel mit Tierarzneimitteln; nach Schwarzgeldern im Profisport; und schließlich beobachtet die Mannschaft von "Frontal 21" zur Zeit drei Biogenetiker, die in absehbarer Zeit Menschen klonen wollen. Alles in allem sollen die Beiträge laut Brender "engagiert, aber nicht Moral predigend, kritisch, aber nicht besserwisserisch" sein.

Die neuen Bundesländer sind in dieser Themenpalette nicht speziell vertreten - die alte "Kennzeichen D"- Mannschaft, die partiell in die neue Redaktion integriert wurde, wird also noch heftig um ihre Belange kämpfen müssen - so sie denn noch will. Und sie könnte dabei den Sitz der Redaktion in Berlin nutzen, das ja schließlich nicht nur einfach Hauptstadt ist, sondern mitten in den neuen Bundesländern liegt.

Sichtlich aufgeregt fiebern die beiden Moderatoren Claus Richter und Theo Koll, die abwechselnd den Anchorman spielen werden, dem Start am 3. April entgegen (natürlich fand sich im ZDF wieder keine kompetente Frau für das Team).

Beide Moderatoren sind erfahrene Auslandskorrespondenten, Theo Koll leitete sieben Jahre lang das Londoner ZDF-Studio, Claus Richter hat fast zwanzig Jahre im Ausland auf dem Buckel - Warschau, New York, Singapur, Moskau. Nun also Deutschland, klassisch-kritisch und gesellschaftlich engagiert.

Etwa zehn Prozent Quote beziehungsweise über drei Millionen Zuschauer, quer durch sämtliche Altersgruppen - das ist die "klare Vorgabe" von Nikolaus Brender an das neue Magazin - und das gegen die harte RTL-Konkurrenz von Günther Jauchs "Wer wird Millionär" und diversen Spielfilmen auf den anderen Kanälen. Theo Koll formuliert das so: "Wir treten mit einer gewissen Bescheidenheit an, aber die Qualität der Beiträge wird der Sendung mittelfristig Profil geben."

Möge dem ZDF und "Frontal 21" diese Übung besser gelingen als die letzte. Das ebenfalls neu gestartete "ZDF.Reporter" hat sich nämlich als Quoten-Schwächling erwiesen und legt erstmal eine Sommerpause ein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben