"FT"-Übernahme durch "Nikkei" : Japan schrumpft, Tokio kauft

„Nikkei“ ist mit drei Millionen Lesern die weltweit größte Wirtschaftszeitung – und neuer Eigner der „FT“. Warum das englischsprachige Blatt für die Japaner so verlockend ist.

von
Aufregende Lektüre. Ein Mann in einem Tokioter Bahnhof liest in der „Nikkei“-Ausgabe vom 24. Juli den Aufmacher über den Kauf der britischen „Financial Times“. Foto: Reuters
Aufregende Lektüre. Ein Mann in einem Tokioter Bahnhof liest in der „Nikkei“-Ausgabe vom 24. Juli den Aufmacher über den Kauf der...Foto: Reuters

Über den Riesendeal erfuhren die Mitarbeiter zuerst von der Konkurrenz. „Ich war gerade bei einer Recherche, da schrieb mich ein Bekannter vom ,Yomiuri Shimbun‘ an“, sagt eine Redakteurin noch Wochen später mit Verwunderung. „Ist das wirklich wahr?“, fragte der Kollege erstaunt. Das „Yomiuri Shimbun“, mit einer Tagesauflage von gut neun Millionen die größte Zeitung der Welt, schien plötzlich unwichtig. In die Schlagzeilen kam Ende Juli das „Nihon Keizai Shimbun“ (kurz: „Nikkei“), mit einer Auflage von knapp drei Millionen die weltweit größte Wirtschaftstageszeitung. Dass der Nikkei-Konzern, international eher als Namensgeber für den Tokioter Aktienleitindex bekannt, scheinbar plötzlich die Londoner „Financial Times“ (FT) gekauft hatte, überraschte alle. Eben auch die „Nikkei“-Journalisten selbst.

Im Geheimen aber war seit Jahren verhandelt worden, wie die Mitarbeiter später erfuhren. „Wir werden uns nicht in redaktionelle Angelegenheiten der ,FT‘ einmischen“, kündigte Nikkei-CEO Naotoshi Okada gleich an. Führungskräfte liefen daraufhin trotzdem mit breiter Brust über die Flure der Großraumbüros im Zentrum Tokios, in direkter Nachbarschaft zu Kaiserpalast, Ministerien und Großbanken. So tönte Okada nicht ganz zufällig nach dem Deal: „Nikkei“ und „FT“, zwei mächtige Wirtschaftszeitungen aus den größten Finanzzentren der Welt, seien sich sehr ähnlich. Ist der Deal eigentlich gar nicht so überraschend?

Zumindest ist heutzutage kaum einem japanischen Sektor ein Großeinkauf eher zuzutrauen als der Medienbranche. Nirgends auf der Welt wird noch so viel Zeitung gelesen wie in Japan. Hinter „Yomiuri Shimbun“ reihen sich das „Asahi Shimbun“ mit einer Tagesauflage von gut sieben Millionen, das „Mainichi Shimbun“ mit 3,3 Millionen und das „Nihon Keizai Shimbun“, das ähnlich wie andere Verlage noch Magazine, TV-Kanäle und weitere Formate kontrolliert. Print ist dabei weiterhin ein Riesengeschäft: Obwohl die Gesamtauflage aller japanischen Zeitungen von täglich 54 Millionen im Jahr 2000 mittlerweile um sieben Millionen gefallen ist, haben immer noch mehr als 80 Prozent aller Haushalte ein Zeitungsabonnement. Teilweise ist dafür der alternden Gesellschaft zu danken. Gut ein Viertel der rund 127 Millionen Japaner ist heute 65 Jahre oder älter, im Jahr 2050 wird dieser Anteil voraussichtlich bei fast 40 Prozent liegen. Wie anderswo sind die ältesten Menschen die treuesten Zeitungsleser: Mehr als 90 Prozent aller Japaner über 50 lesen täglich Zeitung, allerdings nur gut 50 Prozent derer zwischen 15 und 19 Jahren. Die hohe Lebenserwartung und das Altern der Bevölkerung in Japan halten die Printbranche also zum Großteil am Leben.

Nikkei hat schon länger nach Investitionsmöglichkeiten im Ausland gesucht

Allerdings ist dies auch der Grund, warum sich Nikkei schon länger nach Investitionsmöglichkeiten im Ausland umsah: Weil Japans Geburtenrate sehr niedrig ist, schrumpft die Zahl potenzieller Kunden seit Jahren. Die Konkurrenz versucht unter anderem, in medienfremde Bereiche zu diversifizieren. Bei Nikkei aber gebietet es der Stolz, nah am Kerngeschäft zu bleiben. Im September 2014 kaufte man sich schon anteilig beim britischen Magazin „Monocle“ ein. Die „Financial Times“ erscheint in dieser Hinsicht als ausgezeichnete Beute. Schließlich dürften sich die Formate kaum Kunden klauen, allein wegen der Sprache: bis auf das „Nikkei Asian Review“ erscheinen die Produkte von Nikkei auf Japanisch. Im besten Fall könnten sich die Zeitungen sogar ergänzen. „Nikkei“ ist dafür bekannt, hochaktuell und exklusiv zu berichten, liefert zu allen Wirtschaftsthemen geschätzte Analysen.

Das ist vor allem deshalb möglich, weil das Unternehmen ausgezeichnet vernetzt ist. Im Parlament, bei den großen Parteien und in mehreren Verbänden sind für „Nikkei“-Journalisten Schreibtische reserviert. Diese fast freundschaftliche Nähe zu den Objekten der Berichterstattung bedeutet aber zugleich, dass die großen Investigativstorys meist in anderen Blättern erscheinen, die durch ihre Recherchen eben nicht allzu gute Beziehungen aufs Spiel setzen. Die „FT“ könnte hier befruchtend wirken.

Wie genau die Zusammenarbeit zwischen „Nikkei“ und der „FT“ aussehen wird, darüber wird in Tokio noch nicht laut gesprochen. In den vergangenen Wochen wurden zunächst Fragen gestellt: „Können wir uns das überhaupt leisten?“, wollte ein Redakteur wissen. Auch bei „Nikkei“ sind keine Luxushotels und Business-Class-Flüge mehr drin. So scheint der Kaufpreis von 160 Milliarden Yen (rund 1,18 Milliarden Euro) nicht nur großzügig für die „Financial Times“, sondern auch ein teurer Spaß für „Nikkei“: Der Preis entspricht dem 16-Fachen des Nettogewinns 2014. In der großen Sitzung am Freitag watschte ein Ressortleiter alle Zweifel ab: „Wenn wir uns das nicht leisten könnten, hätten wir nicht gekauft.“

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar