Medien : Für alle Zeiten Stefanie

Einfach nur Schwester war ihr zu wenig. Nun kehrt Kathrin Waligura als Dr. med. Engel in die Sat-1-Krankenhausserie zurück

Kerstin Decker

Alle, die am Krankenhaus Heckeshorn aus dem Bus steigen, tragen den auffällig gleichen, streng temperamentsgebremsten Ausdruck im Gesicht. Beim Betreten eines Krankenhauses ist jeder Philosoph. Und alle wissen, wo sie hinwollen. Keiner will zu Block M. Heckeshorn war eine Tuberkulose-Heilanstalt und sieht darum aus, als hätte jemand Bauklötzer zwischen die Kiefern gestreut. Bringt mehr Luft zwischen die Schwindsüchtigen! Zwei junge Männer in Weiß lehnen an einer Hauswand, vor sich eine leere Krankentrage, und fallen vor Lässigkeit beinahe um. Merkwürdiges Krankenhaus. Zum ersten Mal registriert man, dass unsere Sprache kein Wort für eine männliche Krankenschwester (Bruder?) hat. Bei Frauen dagegen reicht schon ein Vorname.

Stefanie zum Beispiel. „Für alle Fälle Stefanie“ – seit Mitte der Neunziger heißen alle Stefanies im Land ein bisschen nach Krankenhaus. Und schuld sind Kathrin Waligura und dieses Wannsee-Klinikum Heckeshorn. Oder eben die Luisenklinik. Unter dem Namen kennt es das ganze Land. So wie es Kathrin Waligura noch immer als Stefanie kennt. Obwohl sie schon so lange weg ist. 1994 startete die „Sat. 1“-Serie und wurde sofort ein Erfolg. Zwei Jahre später sagte Kathrin Waligura: Ich gehe! Sagte es auf dem Höhepunkt des Erfolgs. Genau zur Hälfte der Laufzeit ihres Vertrages. Vielleicht hatte sie Angst vor der endgültigen Stefaniesierung. Später wird man die Rostocker Schauspielabsolventin wie alle mythologischen Figuren mit der Vorsilbe „Ur“- versehen. In den letzten Jahren der DDR hatte sie bei Rainer Simon noch erste große DEFA-Kinorollen gespielt. Kathrin Waligura, die „Ur-Stefanie“. Die dann etwas machte, was Stefanie nie getan hätte: harte Brüche setzen. Sie ließ Sat 1 mit einem bösen Problem zurück. Krankenschwestern gibt es viele, aber nicht alle heißen Stefanie. Oder sollten sie die Serie etwa in „Für alle Fälle Monika“ umbenennen?

Jetzt, nach acht Jahren kommt Stefanie zurück nach Heckeshorn, in die Luisenklinik. Es ist nicht mehr viel „Ur-“ an ihr. Kathrin Waligura ist nun Dr.med. Stefanie Engel. Warum macht sie das? Nur weil der Mensch in acht Jahren irgendwie weitergekommen sein muss?

Ein weißer Arztkittel kreuzt quer über den Rasen und inhaliert so selbstvergessen den Rauch seiner Zigarette, dass noch der militanteste Nichtraucher sich fragt, auf welche Genüsse des Lebens er eigentlich verzichtet hat. Sollten Chefärzte wirklich so aussehen? Aber dieser hier verrät nicht den Anflug eines schlechten Gewissens. Es ist Jaecki Schwarz, der Mann für alle Fälle. Kommissar oder Chefarzt, er spielt alles. Station M, die TV-Ambulanz mitten im richtigen Krankenhaus, muss also ganz nah sein. Es ist in der Wirklichkeit genau wie in der Serie. Man kann die Fiktion von der Realität nicht mehr recht unterscheiden. Und soll es auch nicht können.

Am Tresen der Notaufnahme lehnt ein nicht mehr ganz junger Mann mit jener Miene zwischen Lässigkeit und Überdruss, mit der man sich nachts um zwei an Kneipentresen festhält. Nur dass dies eben eine Notaufnahme ist. „Stefanies neuer Kollege“, flüstert eine hilfreiche Public-Relations-Stimme von hinten, „Orthopäde, sensibel, sehr introvertiert“. Sven Martinek, auch neu in der Serie. Blitzlichter zucken über das Gesicht des sensiblen Orthopäden. Dies ist ein Pressetermin. Sekunden später haben die Kameras ein neues Ziel. Kathrin Waligura tritt mit launigst hochgesteckten Schwestern- Mini-Löckchen und Original-Stefanie-Lächeln zu dem Medizin-Melancholiker an den Notaufnahme-Tresen. Zwischen ihnen liegt nur ein kleiner Stapel numerierter Einverständniserklärungen. Es liegt wirklich nicht viel mehr zwischen ihnen, man ahnt es schon in der ersten Folge. Und sie wird seinen Beistand noch brauchen gegen den, den selbst die Public-Relations-Frau nur kurz „Oberarzt Arschloch“ nennt. Aber David C. Brunners (Oberarzt Dr. Meier-Liszt) ist nicht da, der dreht in Moskau. Wenn Dr. Meier- Liszt etwas vollständig daneben findet, dann sind das Krankenschwestern, die Ärztinnen werden wollen.

Das ist der neue Grundkonflikt der Sat 1-Serie, die ab 8. Juli nun doch den Namen wechselt: „Stefanie – Eine Frau startet durch“. Typisch bescheuerter Serientitel. Aber Kathrin Waligura ist einverstanden. Nur für die Jetzt-Frau Stefanie ist sie zurückgekommen. Das bedingungslose Für-Jeden-Dasein ist ihr schon an der alten Stefanie manchmal sehr auf die Nerven gegangen. Und Fehler durfte sie auch nicht machen. Das war Sat 1- Ethos. Kathrin Waligura sagt „die alte Stefanie“. Aber nicht wegen der Fehlerlosigkeit ist sie ausgestiegen. Ich wollte einfach mal wieder mehr als fünf Stunden schlafen, sagt Kathrin Waligura. Damals waren ihre beiden Kinder noch klein und hatten eine Art Mutter Theresa als Mama, die für jeden da war, nur für sie nicht. War das nicht zu viel Doppelleben? Jetzt ist alles anders. Die Kinder sind groß und die Zuschauer selbst fanden Stefanie irgendwann zu unzeitgemäß. Kann die nicht mal ein bisschen Fehler und Karriere machen?

Kathrin Waligura hat keine Angst, dass das Publikum ihre neue Stefanie nicht mag. Wahrscheinlich hat sie recht. Denn „Stefanie – eine Frau startet durch“ ist ein perfektes Serienprodukt. Zwar wird hier vor lauter Unvorhersehbarkeiten nie etwas Unvorhersehbares geschehen und noch das Unbekömmlichste wird bekömmlich serviert – aber sonst stimmt alles. Nur die Glätte ist verräterisch, bis in Kathrin Waliguras Antworten hinein. Diese Frau gibt nichts von sich preis. Serienkunst ist eine Fassadenkunst. Das ist die Verabredung. Kathrin Waligura ist eine gute Fassadenkünstlerin. Wen sie dahinterschauen lässt, bestimmt sie selbst. Und Journalisten gehören bestimmt nicht dazu. Das muss er sein, der Selbstschutz der Serienschauspieler.

Früher Nachmittag, keiner ist mehr da in Block M. Im Flur hängen Anleitungstafeln „Intramuskuläre Injektion nach A.v. Hochstätter“, an einer Glastür steht „Dr. M. Meier-Liszt, Oberarzt; Dr. S. Engel, Fachärztin für Chirurgie“. Müssen sie also auch noch dasselbe Zimmer teilen. Hinter der Glastür herrscht lebensechte Unordnung, auf dem Schreibtisch der Fachärztin für Chirurgie steht ein Foto ihrer Kinder. Der Fernseh-Kinder. Serienwelten, ahnen wir, sind sehr vereinnahmend. Am Fahrstuhl neben dem Ärztezimmer wird in der ersten neuen Folge ein verzweifelter Vater warten mit seinem frisch operierten Sohn im Arm. Aber dieser Fahrstuhl fährt nirgendwo hin. Block M im Krankenhaus Heckeshorn ist wie die Realität der Serien. Ein Flachbau. Kein Keller, keine Stockwerke obendrüber.

„Stefanie – eine Frau startet durch“, Sat 1, Donnerstag, 8. Juli, 20 Uhr 15.

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