Medien : Für Fortgeschrittene

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Harald Martenstein hat ganz viele Sternstunden des Fernsehens erlebt

Fernsehen ist verdammt wichtig. Fernsehen ist ein Teil der Geschichte und Teil jeder deutschen Biografie. Aber mit sich selber tut es sich schwer. Eine Medienseite gehört heute zur Grundausstattung einer besseren Zeitung, ein gutes, überregionales Medienmagazin im Fernsehen gibt es nicht. Viele Versuche, das Fernsehen im Fernsehen ernsthaft zum Thema zu machen, sind gescheitert. Nur auf der SpaßSchiene von Stefan Raab und Co. rollt die Produktion.

Wie es gehen könnte, zeigte drei Abende lang die Dokumentation „Das Ganze eine Rederei“ von Klaus Michael Heinz. Dreißig Jahre Talkshow in Deutschland: Dazu saßen zehn recht unterschiedliche Moderatorinnen und Moderatoren in der Runde.

Zum Beispiel Margarethe Schreinemakers und Andreas Türck, Beckmann und Kerner, der alte Dietmar Schönherr, Roger Willemsen und Christoph Schlingensief. Was taten sie? Sie schauten sich gemeinsam die klassischen Szenen der Talkshowgeschichte an. Szenen, die längst ins kollektive Gedächtnis eingebrannt sind, wie Romy Schneiders „Ich mag Sie“-Bekenntnis an Burkhard Driest. Sie sahen noch einmal, wie Margarethe Schreinemakers live weinte. Sie sahen, wie Johannes B. Kerner nach dem Massaker von Erfurt einen fassungslosen Schüler interviewte und wie Verona Feldbusch ihre Redeschlacht gegen Alice Schwarzer bestand. Sie sahen die Talkshow als Freakshow, als Ersatz-Stammtisch, als Schauplatz von Diskriminierung, aber auch als Ort der Erkenntnis und der Mythenbildung. Und sie diskutierten. Wo liegt die Grenze, die zu überschreiten sich verbietet? Wie viel Würde ist unantastbar, wie viel Intimität? Das Fernsehen hatte einmal den Mut, über sich selber zu streiten. Moderation: Anne Will.

Es war eine Sternstunde des Mediums. Wir, die Zuschauer, überprüften unsere Erinnerungen. Die Moderatoren blickten gemeinsam mit uns noch einmal auf ihre Helden- und Schandtaten. Es war sozusagen eine offene Redaktionskonferenz. Die Moderatoren schonten einander ein bisschen, aber nicht ganz, und übten hin und wieder sogar Selbstkritik. Kerner sagte zu seinem Schüler-Interview, geführt quasi an der noch warmen Kinderleiche: Heute würde er das nicht mehr machen. Aber die „FAZ“, die ihn damals so heftig kritisierte, habe doch selber Stimmen von Schülern zitiert. Als ob es keinen Unterschied gibt zwischen einem Fernsehinterview und einem Zitat in der Zeitung! Nein. Kerner hat es nicht begriffen. Seine Selbstkritik ist eine scheinheilige Formalie, weiter nichts. Immerhin stellt er sich der Kritik.

Das 50-jährige Fernsehen fängt an, sich seiner eigenen Geschichtlichkeit bewusst zu werden. Das heißt: Es wird erwachsen.

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