Medien : Für immer RAF

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Nebel wabert über dem nordhessischen Edersee. Der Nebel wird sich an diesem Abend nicht mehr lichten. Nebulös ist auch der Fall, den der frischgekürte „Tatort“-Kommissar Felix Murot – ein Anagramm für Tumor – zu lösen weniger beauftragt ist als aus eigenem Antrieb gewillt. Denn es geht um eine lang zurückliegende Geschichte, um die RAF, die Endsiebzigerjahre, um „Deutschland im Herbst“ und die „Verlorene Ehre der Katharina Blum“, die dem Zuschauer in der verdoppelten Gestalt der rätselhaften Pensionswirtin wie der jungen Bibliothekarin präsentiert wird. Wer keine Kenntnis der bundesdeutschen Geschichte mitbrachte, dürfte an diesem „Tatort“ wenig Freude gehabt haben, zumal jede Verschärfung des Tempos ausblieb. Hier ging alles so verlangsamt zu wie das Ziehen der Nebelschwaden am Horizont.

Ein bisschen sehr gewollt war dieser „Tatort“. Autor Christian Jeltsch hatte ihn vollgepackt mit allem, was einem nur einfallen konnte rund um Ulrich Tukur, der als Charakterdarsteller, wenn auch nicht der eines landläufigen Kommissars, berühmt ist. Unbedingt sollte Kommissar Murot anders sein als alle anderen, als jene, die zupacken und zugleich Seelenprobleme lösen, jene Gutmenschen im Kripo-Dienst, mit denen uns der „Tatort“ allwöchentlich zum Verständnis gesellschaftlicher Missstände anleitet. Murot-Tukur hat kein aktuelles Privatleben, er hat Erinnerungen, die ihn verfolgen wie der Nebel am See.

Das alles ist gefilmt in gedämpften Tönen, meist Grau und Braun, wenig gebrochenes Rot. Am Edersee gibt es auch keine Leuchtreklamen, nichts Urbanes, nichts von dem, was uns alltäglich visuell umgibt. Es gibt nur graubraune Vergangenheit, die nicht vergehen will. „Es hat den Staat gestärkt“, erklärt der frühere Führungsoffizier die damalige Strategie gegen die RAF. Damit ist die TV-Zielgruppe angesprochen: all jene Zuschauer jenseits der 50, die einst mit der Be-Er-De haderten, den neuen Faschismus heraufziehen sahen und die RAF noch immer für einen Spielball im Ränkespiel der Mächtigen halten. Es war, ungeachtet der hohen Sehbeteiligung am Sonntag, ein überintellektualisierter „Tatort“, man möchte sagen: wie geschaffen fürs Spätprogramm von Arte.

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