Fußball : Das Finale ist weiblich

Kein Titel, kein Zuschauerrekord, aber die Frauen sind die EM-Gewinner.

Joachim Huber
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Starke Schultern. Nach dem verlorenen EM-Finale musste viel getröstet werden. Und wer kann Männer besser trösten als Frauen? Foto:...

Das EM-Finale hat den Sprung an die Spitze der ewigen TV-Hitliste deutlich verpasst. 28,05 Millionen Zuschauer haben vor dem eigenen Bildschirm am Sonntag die 0:1-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien im Ersten gesehen. Der Marktanteil lag bei 82,0 Prozent. Die erfolgreichste EM-Übertragung war das Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei mit 29,46 Millionen Zuschauern. Der deutsche TV-Rekord mit 29,66 Millionen beim WM-Halbfinale 2006 zwischen Deutschland und Italien bleibt bestehen.

Nicht eingerechnet sind bei allen Werten die vielen Millionen Fernsehzuschauer beim Public Viewing sowie in Gaststätten, Biergärten, Vereinsheimen, Kasernen oder Krankenhäusern. Experten sagen, die tatsächliche Zahl dürfte bis zu 40 Millionen betragen haben. Der Unterschied zwischen dem gemessenen und dem tatsächlichen Volumen zeigt, wie sehr die Quotenmessung hinter dem tatsächlichen Fernsehverhalten hinterherhinkt - siehe nur die zunehmend fragwürdige Stichprobe der Fernsehforschung, die nur deutsche Zuschauer und Bürger aus EU-Ländern zur Quotenermittlung erfasst. Türken und türkischstämmige Bürger beispielsweise bleiben außen vor, was - neben dem Bildausfall - eine Rekordquote beim Viertelfinale der deutschen Elf gegen die türkische verhindert haben dürfte (siehe Grafik).

Lohnende Investition

Für ARD und ZDF haben sich die rund 115 Millionen Euro Rechtekosten für die 31 EM-Spiele als lohnende Investition erwiesen. Inklusive des Finales schafften gleich vier Übertragungen den Sprung in die Top Ten der TV-Hitliste, allein die ARD-Livespiele wurden im Schnitt von 16 Millionen gesehen. "Der Trend von der WM 2006 hat sich fortgesetzt und sogar leicht erhöht", analysierte der Sport- und Medienwissenschaftler Josef Hackforth das Quotenhoch.

Die Fußball-EM war ein Fernsehereignis, auch wenn Radiosender und Internetanbieter ebenfalls hohe Nutzerzahlen oder Zeitungen höhere Auflagen meldeten. Internet-TV und Handy-TV waren kein Thema. "So weit sind wir noch nicht. Es gibt technische Probleme, es fehlt auch an der Akzeptanz. Der Laptop ersetzt keinen Flachbildschirm, aber das ist auch einen Generationenfrage", sagte Hackforth im dpa-Gespräch.

Dass bei Spielen des DFB-Teams die geschätzte Zuschauerzahl bei mehr als 40 Millionen Menschen liegt, belegt, wie sehr der Fußball als Ereignis in der Mitte der Bevölkerung angekommen ist. Das ist für die künftige kommerzielle Vermarktung der Produkte Nationalelf und Bundesliga gleichermaßen interessant. Hackforth meint, "Fußball ist das Gemeinschaftserlebnis der Deutschen, nicht Politik, Wirtschaft oder Kultur."

Fußball gucken wie eine Party

Eine wichtige Rolle bei der Begeisterung für den Wettbewerb spielen die Frauen. Sie erobern sich die frühere Männerdomäne im Fernsehen immer mehr. Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Stadion jubeln und trubeln Millionen Frauen vor dem Schirm. Das müssen die Fernsehsender bemerken. Eine Kommentatorin wie Monica Lierhaus bei einem Länderspiel der Männer scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Beim EM-Viertelfinale Deutschland - Portugal waren Frauen erstmals beim Publikum in der Überzahl, das setzte sich bei der Türkei-Begegnung fort und bestätigte sich beim Finale gegen Spanien: 12,72 Millionen Fans ab 14 Jahren waren Frauen, 11,66 Millionen waren Männer (das Verhältnis entspricht in etwa dem in der Gesamtbevölkerung). Der Zuspruch der Frauen lag auch, aber nicht nur an Spielern wie dem Portugiesen Cristiano Ronaldo. "Die Attraktivität der Spieler ist sicherlich ein Grund. Aber Frauen gehen immer mehr in die Stadien, seitdem diese moderner und komfortabler sind. Für junge Mädchen ist Fußball gucken wie eine Party", sagte Hackforth.

Eine solche Laune wird von einem verlorenen Spiel nicht lange verdorben, wie die Bilder vom Public Viewing am Brandenburger Tor gezeigt haben. Für irritierte (und genervte) Männer bleibt der Alltag in Bundesliga oder Kreisklasse. Da kann mehr Trauerarbeit geleistet werden, als Frau sie leisten will. Der männliche Fußballfan, ein Sehnsuchtscluster.

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