FUSSBALL-WM : Globale Profiteure

Wer verdient an der Fußball-WM in Südafrika? Ein ARD-Feature von Tom Theunissen sucht die großen und die kleinen "Global Players" auf, die beim Fußball-Event ihren Schnitt machen wollen. In Südafrika, in Deutschland, weltweit.

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Fachkräfte für Fußball-Arenen. Die Architekten von Gerkan, Marg und Partner haben drei der neuen WM-Stadien in Südafrika entworfen. Foto: WDR/dpa
Fachkräfte für Fußball-Arenen. Die Architekten von Gerkan, Marg und Partner haben drei der neuen WM-Stadien in Südafrika...Foto: WDR/dpa

Vom 11. Juni an werden die Fernsehreporter wieder die berühmten Emotionen bemühen. Dann beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, für deren TV-Übertragungsrechte die Sender viele Millionen Euro hingeblättert hat. Der Ast, auf den man sich gesetzt hat, der wird nicht abgesägt – also Jubel, Trubel, Heiterkeit. Bis zum Anpfiff und der Generalmobilmachung der Fans kümmern sich andere Journalisten um das Weltereignis 2010, jene, die nicht mit dem Tunnelblick aufs Rasen-Rechteck starren. Tom Theunissen ist einer von ihnen, er arbeitet für die ARD. Ein vielseitig interessierter Filmemacher („Who’s Afraid of America?“), Satiriker („Die den Adler tragen“), ein Journalist mit dem schrägen Blick, weil dieser Winkel Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit bloßstellt.

Tom Theunissen hat quasi mit dem Abpfiff des „Sommermärchens 2006“ seine Langzeitstudie zur ersten Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent begonnen. „Global Players“ ist seine Abschlussarbeit. Theunissen trifft, begleitet und interviewt erneut etliche Organisatoren und Profiteure der WM in Deutschland – jetzt aber am Kap. Denn dort wollen die Stadionbauer, Reiseveranstalter, Sportgerätehersteller, Promotion-Manager und die Experten für alles vom Wirtschaftswunder Fußball-WM profitieren. Weiße Neo-Kolonialisten sind nicht darunter, es sind Handelsreisende in Sachen Sport-Business, mit unterschiedlichen Motiven. Sie reichen vom „Wissenstransfer“, ein Begriff, den der deutsche Fifa-Sonderbeauftragte Horst R. Schmidt gerne im Mund führt, über den pekuniären Antrieb bis hin zur Abenteuerlust, in einem Schwellenland aus Aufbruch, Armut und Arbeitslosigkeit Erfolg zu haben. „Soccer City“, das Stadion in Johannesburg, liegt neben dem Township Soweto.

Die lange Recherchezeit erlaubt Rückblicke, Rückgriffe, sie ermöglicht das Aufziehen langer Entwicklungslinien. Die Jahreskapitel werden mit Statements von Fifa-Boss Joseph Blatter eingeleitet, der sich mit der Aussage euphorisiert, durch die WM werde es eine Bereicherung der Bevölkerung Südafrikas geben.

Das bringt Theunissen den Ansatz- und Drehpunkt: Wer profitiert? Die Fifa, klar, durch den Verkauf eines jeden Rechtes, das für den veranstaltenden Weltfußballverband generiert wird. Das Turnier wird rund um die Stadien, hochgerüstet wie die Sicherheitsburgen der G-8-Gipfel, eine Fifa-WM, eine Schweizer WM, aber eine afrikanische WM?

Die Rechnung für Südafrika ist komplizierter. Den faktischen Einnahmen durch die WM stehen die Investitionen für die Infrastruktur gegenüber. Wahrscheinlich gibt es für Südafrika einen wirtschaftlichen Zugewinn, wie nachhaltig der ist, wird sich erst zeigen, wenn der Fifa-Zirkus weitergezogen ist. Der Imagegewinn für das Land hängt vom (glatten) Verlauf des Events im Land ab. Die Stimmen, die der Autor einsammelt, zeugen nicht davon, dass eine Fußball-WM die strukturellen Probleme beheben, die soziale Realität Südafrikas gerechter machen wird.

Theunissen fasst das Große und Ganze des Themas. Natürlich wabert da manches, wird mancher Zuschauerblick in den Pessimismus hineingelenkt. Theunissen, ein Zögling der Schule des Skeptizismus, mag es nicht, wenn das Auge ins Himmelblau schießt und alles darunter übersieht. Und Joseph Blatter muss sein Freund nicht mehr werden. Aber der Schweizer ist nicht sein Zielobjekt, das sind die nachgeordneten Blatters im Fifa-Reich, das sind Auftrag- und Lizenznehmer made in Germany. Zwei stehen im Fokus: Eventfachmann René Splitthof, erfahren in der Betreuung von Gästen internationaler WM-Sponsoren, dann Sportartikelhändler Jochen Köppl. Splitthoff wird – anders als 2006 – kein großes Geschäft machen, die Angst der Kundschaft vor dem „gefährlichen“ Afrika ist zu groß; Köppl wollte Beach-Soccer-Anlagen, Kunstrasenplätze verkaufen, bleibt aber im Unterholz der Kompetenzen inklusive Schmiergelder hängen. Der Optimist verbucht das unter „Erfahrung“.

Der Zuschauer kann die 45 Minuten unter „Wissenstransfer“, Vermehrung von Wissen saldieren. Persönliche Erlebnisse und Erfahrungen geben dem „Wirtschaftswunder Fußball“ seine konkreten Perspektiven. Die „menschliche“ Kamera von Andreas Wunsch tut ein Übriges, immer ist sie dicht dran an den Personen und Orten. Nicht unverschämt ist das Feature, zugespitzt ist es. Wie das Schlussbild im Berliner Büro der Architektengemeinschaft Gerkan, Marg und Partner. Fleißige Mitarbeiter zaubern schon die Stadien für die WM 2014 in Südamerika auf die PC-Schirme. „Südafrika ist abgefrühstückt“, sagt der Kreative.

„Global Players“, Mittwoch, ARD, um 23 Uhr 30

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