Fußballreporter in der Kritik : „Fußball. Marcel Reif. Warum?“

Bekenntnisse auf Youtube: Der Fußballreporter Marcel Reif reagiert mit ungewöhnlichen Maßnahmen auf Kritik an seiner Arbeit. TV-Kollegen springen ihm bei.

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Der ironische Vorleser. Marcel Reif musste zu der Aktion auf Youtube überredet werden. Sein Sohn, der in der Marketingabteilung von Sky arbeitet, habe ihn dazu gebracht.
Der ironische Vorleser. Marcel Reif musste zu der Aktion auf Youtube überredet werden. Sein Sohn, der in der Marketingabteilung...Foto: Sky

Die Szene wirkt etwas skurril. Marcel Reif sitzt im karierten Jackett auf einem braunen Ledersofa und sagt Dinge, die nicht alle jugendfrei und grammatikalisch korrekt sind. Der bekannte Fußballkommentator schaut auf seinen Tablet-Computer und liest vor: „Reif ... Alter direkt TV ankotzen.“

Tja, was soll man dazu sagen? Der bekannte Fußballreporter stutzt, lächelt und wischt über sein Tablet. Reif ist einer der populärsten, aber auch einer der umstrittensten deutschen Sportjournalisten. Auf die teilweise geschmacklose Kritik reagiert der 66-Jährige seit ein paar Tagen nun mit solchen Clips, in denen er Tweets vorliest. Die Video-Schnipsel werden vom Pay-TV-Sender Sky über Facebook, Twitter und Youtube verbreitet. Sie tragen den Namen „Liebeserklärung an Marcel Reif“. Oder in der englischen Version „Love Tweets“.

Das Prinzip, Shitstorms öffentlich zu machen, ist nicht ganz neu. Nun sind die Fußballreporter dran. Reif ergeht es in Sachen Kritik nicht viel anders als seinen Kollegen, die sich Woche für Woche in den sozialen Netzwerken mit gehässigen Kommentaren auseinanderzusetzen haben, weil sie bei ihren Fußballspiel-Kommentaren – vermeintlich – etwas übersehen haben, zu einseitig oder zu farbenblind sind.

Manche Schmähung, die Reif erreicht, ist vergleichsweise harmlos oder sogar humorvoll. Etwa: „Fußball. Marcel Reif. Warum?“ Andere sind selbstentlarvend, sagen mehr über den anonymen Kritiker im Netz als über den Fernsehmann: „Marcel Reif ist der Stephen Hawking unter den Fußballkommentatoren. Nur ohne das mit der Intelligenz.“

„Ich habe erst gesagt, ich will das nicht“

Nun ist Marcel Reif nicht unbedingt jemand, der sich ständig in die Öffentlichkeit stellt und seine Arbeit erklärt. Der Reporter musste zu der Aktion überredet werden. „Ich habe erst gesagt, ich will das nicht“, sagte der Kommentator der Deutschen Presse-Agentur. Sein Sohn, der in der Marketingabteilung von Sky arbeitet, habe ihn dazu gebracht: „Er hat mich bequatscht“ – eine andere Generation, ein anderer Umgang mit Öffentlichkeit und sozialen Netzwerken.

Andere Sportreporter wiederum sind sofort dabei, wenn sie auf das lästige Übel Zuschauerkommentare, Shitstorms oder den öfters gehörten Vorwurf der Parteilichkeit für den einen oder anderen Verein angesprochen werden. „Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass jeder Fußballreporter auch mal ein Kind war“ sagt Sport1-Reporter Jörg Dahlmann dem Tagesspiegel.

„Dass jedes fußballinteressierte Kind auch Fan eines Vereines war. Auch heute kann ich mich nicht davon befreien, dass ich Klubs weniger oder mehr mag.“ Ob daraus eine Parteilichkeit abzulesen sei? Dahlmann glaubt, dass fast jeder Reporter versuche, das auszublenden und objektiv an die Arbeit heranzugehen.

„Es ist im Prinzip nichts anderes als bei Printkollegen. Auch die dürften einen Lieblingsklub haben.“ Eine Schere habe Dahlmann bei seinen Reportagen nicht im Kopf. „Im Gegenteil: Aufgrund meiner schweren Krankheit vor ein paar Jahren habe ich mir vorgenommen, nicht zu kuschen. Wenn ich eine Mannschaft gut finde, dann sag ich es ebenso, wie wenn ich eine Mannschaft schlecht empfinde.“

Jörg Dahlmann sei mal von Bayern München gesperrt worden für Interviews, weil er ein kritisches Interview mit Trainer Louis van Gaal geführt habe. „Für die nächste Champions-League-Runde, die nach Rom führte und für die ich bereits eingeteilt war, bin ich meiner Aufgabe entbunden worden. Es hat mich stolz gemacht, dass ich mich nicht durch Vereinsauflagen habe beeinflussen lassen.“

Bestätigung habe er von höchster Stelle erfahren. „Uli Hoeneß rief mich auf meinem Handy an und sagte mir, er selbst sei sicherlich auch nicht immer einfach in Interviews, aber dennoch müsse ein Interviewer die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen.“ Solange sie nicht unterhalb der Gürtellinie seien.

Aus der Steinzeit der sogenannten sozialen Medien

Öfters in der Kritik als Dahlmann steht ZDF-Kollege Béla Réthy. „Mein Lieblingsbeispiel, noch aus der Steinzeit der sogenannten sozialen Medien, stammt aus einer Ära, als man die Zuschauerrückmeldungen per Telefonprotokoll zu Gesicht bekam. Anlässlich eines Pokalendspiels zwischen Bayern und Dortmund beschwerten sich 220 Anrufer über den Kommentator Réthy.“ Exakt 110 waren der Meinung, er sei ein „Bayern-Schwein“, die anderen 110 unterstellten ihm eine schwarz-gelbe Brille.

„Muss wohl eine recht ausgewogene Reportage gewesen sein.“ Es gebe keinerlei Fantum am Mikro, sagt Réthy. „Außer bei internationalen Spielen, bei denen man naturgemäß zu der deutschen Mannschaft hält, dabei sie durchaus kritisch betrachtend.“

Das sieht ZDF-Reporter Oliver Schmidt ähnlich. „Es gibt keine Schere im Kopf, schon gar nicht, wenn, wie im DFB-Pokal, zwei deutsche Mannschaften aufeinandertreffen.“ Dass aber eine so außergewöhnlich gute und dominante Halbzeit wie vor ein paar Woche beim DFB-Pokal-Spiel Wolfsburg gegen Bayern vom Kommentator (damals war das Marcel Reif auf Sky) inhaltlich gewürdigt werden darf, stehe für Schmidt außer Frage.

„Zur Rolle des sowohl objektiven als auch meinungsstarken Kommentators gehört ja nicht nur die Analyse, sondern auch die Einordnung, negativ wie positiv.“ Bei Vereinen mit großer und meinungsstarker Fanbasis, wie Bayern oder Borussia Dortmund, könne ein Kommentator selten der mehrheitsfähige „Gewinner“ sein, das müsse er aber auch nicht.

Grenzen überschritten

Marcel Reif, der am Samstag auf Sky beim „Topspiel der Woche“ Leverkusen gegen Gladbach im Einsatz ist, stört sich ebenfalls nicht an öffentlicher Kritik. Aber in den sozialen Medien werden nach seiner Ansicht „Grenzen überschritten.“

Ironie ist für den Journalisten die einzig passende Form, um auf die Schmähungen zu reagieren: „Entweder macht man es so oder gar nicht.“ Mit den Clips auf Youtube wurde „manchen Usern explizit geantwortet“, sagte Sebastian Zind, bei Sky Projektleiter für Social Media und Marketing. Die Videos sollen „authentisch und selbstironisch sein“. Daher werden „echte Tweets“ vorgelesen. Vorbild ist der US-Showmaster Jimmy Kimmel, der seit Jahren Stars die an sie gerichteten Beschimpfungen vorlesen lässt.

Fußballexperten und der Shitstorm – man kann es auch so sehen wie ARD-„Sportschau“-Chef Steffen Simon. „Ich habe mich bisher aus diesen Diskussionen herausgehalten und möchte das auch weiterhin tun.“ Dieter Nuhr habe es mal auf den Punkt gebracht: „Im Netz ist immer schlechtes Wetter.“ Und das betreffe nicht nur Fußballkommentatoren.

„Sportschau“, Samstag, ARD, ab 18 Uhr

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