Medien : Gabriels CD-Tipp

Das alte SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ geht nach 17 Jahren erstmals wieder in den freien Verkauf

Markus Ehrenberg

Die Schriftstellerin Juli Zeh steht nicht gerade im Verdacht, CDU–Wählerin zu sein. Daher überrascht ihr Beitrag für die heute neu erscheinende Ausgabe der SPD-Zeitschrift „Vorwärts“ nicht wirklich. Unter dem Stichwort „Der Quasi-Verteidigungsfall“ beschäftigt sie sich auf der letzten Seite mit den Tücken der Regierungsideen zum Thema innere Sicherheit: „Wie soll man dem Menschenwürde-Gerede von SPD und Grünen Glauben schenken, wenn doch das ursprüngliche in Karlsruhe gescheiterte Luftsicherheitsgesetz der Regierungszeit von Rot-Grün entstammte?“

Die reine SPD-Lehre ist es also nicht, mit der der „Vorwärts“, das 1876 gegründete Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, erstmals nach 17 Jahren wieder in den freien Verkauf geht. Für 2,50 Euro liegt das Monatsblatt überwiegend in Bahnhofsbuchhandlungen und Flughäfen aus, wobei das mit dem Blatt wörtlich zu nehmen ist, fällt einem beim Durchstöbern doch erst mal der 24-seitige Entwurf zum neuen Grundsatzprogramm entgegen. Immerhin kein Mitgliedsantrag. Fotos sucht man hier vergebens, damit können sich die Delegierten auf dem Parteitag im Oktober herumschlagen. Der Rest im neuen „Vorwärts“ ist luftiger als alte Ausgaben, nicht nur was für alte Sozis: mit Film-, Buch- und Musiktipps. Ein durchaus gelungener Relaunch des Chefredakteurs Uwe-Karsten Heye, Ex-Sprecher der rot-grünen Regierung, die Juli Zeh so geißelt. Heye ist seit einem Jahr im neuen Job. Schwer zu sagen, ob er sich beruflich verbessert hat. Noch um die Jahrtausendwende erreichte der „Vorwärts“ als Mitgliederblatt 1,2 Millionen Leser. Mithilfe der 7000 (von 52000) in den Verkauf gehenden Exemplare will Heye nicht nur Mitglieder ansprechen, sondern „ein „Selbstverständnis entwickeln“, das über „die Selbstbeschäftigung“ der SPD hinauslangen soll.

Der überwiegend schwarz-weiße, 47-seitige Dünndruck dürfte es schwer haben, trotz roter Signalfarbe und Sigmar-Gabriel-CD-Tipp (Peter Maffay!), zwischen all den Hochglanzmagazinen in der Buchhandlung. Da können die Texte noch so gut geschrieben sein. Immerhin: das Schwerpunktthema Bildung und ein gepflegtes Horst-Ehmke-Porträt zum 80. Geburtstag laden neben Gastbeiträgen von Juli Zeh und Super-Nanny Katharina Saalfrank zum Verweilen ein. Ob „Frank-Walter Steinmeiers Aufstieg vom Nobody zum Publikumsliebling“, ein Beitrag, in dem nicht einmal der Name Kurnaz fällt, in die Zeit passt, wird die Zukunft zeigen.

Im Internet:

www.vorwaerts.de

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