Medien : „Gambit“: Täter und Bauernopfer in Seveso

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Um 12 Uhr 37 am 10. Juli 1976 explodiert in einer Chemiefabrik nahe der norditalienischen Stadt Seveso die Anlage zur Produktion von Trichlorphenol (TCP). Die Bilder von an Chlorakne erkrankten Kindern gehen um die Welt. Dennoch verschweigen Manager des Basler Hoffmann-La-Roche-Konzerns tagelang, dass die Umgebung mit Dioxin verseucht wurde. Jahre später werden zwei Manager in Italien zu Haftstrafen verurteilt. Der eine, der Deutsche Jörg Sambeth, ist Mittelpunkt des WDR-Dokumentarfilms „Gambit“ der Schweizer Autorin Sabine Gisiger. Wer beim Schach die „Gambit“ genannte Eröffnung wählt, opfert Bauern oder andere Figuren, um einen strategischen Vorteil zu erlangen. Als solches Bauernopfer empfindet sich der ehemalige Technische Direktor der Genfer Roche-Tochter Givaudan, deren Firma Icmesa die Fabrik in Seveso betrieb. Der „wahre Skandal des Unfalls“ sei gewesen, sagt Sambeth, dass Roche eine um wichtige Sicherheitsvorkehrungen abgespeckte TCP-Anlage bauen ließ. Statt 7,5 Millionen Schweizer Franken habe sie nur noch 800 000 gekostet. Als Sambeth 1970 zum Technischen Direktor befördert wurde, war die Anlage bereits fertig.

Will sich da ein Täter nachträglich entlasten? Sicher auch, aber Sambeth leugnet seine persönliche Schuld nicht. Er habe die neue TCP-Anlage „wie das Evangelium“ genommen. Dass er den Ärzten tagelang die Information zum Dioxin-Risiko vorenthielt, macht ihm sichtlich zu schaffen. Mindestens so groß wie die Schuldgefühle ist sein Zorn auf seinen früheren Arbeitgeber, dem vor Gericht nur daran gelegen war, die Generaldirektoren von Hoffmann La Roche und Givaudan zu schützen. Sambeths Darstellungen werden durch Zeitzeugen gestützt, allerdings mochten Vertreter von Hoffmann La Roche nach Gisigers Angaben keine Interviews geben.

„Gambit“ bietet vor allem eine Innenansicht auf die kühle, allein auf Hierarchien vertrauende Unternehmenskultur bei Hoffmann La Roche in den siebziger Jahren. Den damaligen Roche-Chef Adolf W. Jann nennt Sambeth „Führer“. Wenn Jann verreist war, wie in den Unglückstagen von Seveso geschehen, seien seine Vertreter aus Angst vor ihm zu keiner Entscheidung fähig gewesen. tgr

„Gambit“, 22 Uhr 30, WDR

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