Branche : Verspielt

Zwischen Wirtschaftskraft, Datenleck und Jugendschutz: Die Deutschen Gamestage in Berlin.

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Schäfchen zählen heißt es beim Spiel „Farmerama“ des Herstellers Bigpoint. Die Nutzer können sich in der virtuellen Welt einen Bauernhof aufbauen. Foto: dpa Foto: picture alliance / dpa
Schäfchen zählen heißt es beim Spiel „Farmerama“ des Herstellers Bigpoint. Die Nutzer können sich in der virtuellen Welt einen...Foto: picture alliance / dpa

Computerspiele können heilsam sein, sie unterstützten bei Erkrankungen wie Diabetes, ADHS oder HIV die Vorbeugung und die Therapie. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen haben sie als innovative Form der Patientenansprache eine motivierende Wirkung für die regelmäßige Medikamenteneinnahme. Unter Experten ist dies nicht neu, nun konnten sich auch die Besucher der Deutschen Gamestage in Berlin über die gesundheitlichen Segnungen von „Serious Games“ informieren. Nach dem Datendiebstahl in Sonys Playstation Network suchten viele Besucher des Fachkongresses jedoch nach einer anderen Medizin. Wie groß ist der durch das Datenleck verursachte Schaden, wollten sie wissen und fragten, welche Pille dagegen helfen kann.

Für Alexander Piutti vom Berliner Spiele-Distributor GameGenetics steht der Imageschaden für Sony und die Branche im Vordergrund. Der Diebstahl habe gezeigt, dass es auch die Großen treffen kann. „Da sind durchaus einige Leute aufgewacht“, so Piutti. Überhaupt stelle sich die Frage, wofür die Daten benötigt würden. Für die Spiele auf seiner Popmog-Plattform wie das 3D-Golfspiel „OGC Open“ reicht zur Anmeldung die Mailadresse. Für Richard Meng, den Sprecher des Berliner Senats, wirft die Datenschutzdebatte um Sony die Frage nach den Regeln auf. „Die Gamesbranche muss dabei Teil der Lösung sein, genauso wie bei der Diskussion um Gewalt in Computerspielen“, forderte er am Montag bei der Eröffnung der Gamestage.

Die Konferenz, die auf eine Initiative des Medienboards Berlin-Brandenburg zurückgeht, findet zum fünften Mal in Berlin statt. Im Vorjahr besuchten 1500 Fachleute die Foren und die Entwicklerkonferenz „Quo Vadis“. Im Zentrum des ersten Tages stand die Diskussion „Wirtschaftswunder Games - führt zu viel Regulierung ins Abseits?“ Peter Tauber, Bundestagsabgeordneter der CDU, lehnte eine weitergehende gesetzliche Regulierung für den Zugang zu Computerspielen ab. „Letztlich sind alle denkbaren Maßnahmen leicht zu umgehen. Stattdessen plädiere ich für Freiwillige Selbstkontrolle und für eine intensive Begleitung der Online-Spiele durch die Eltern der Nutzer“, sagte der CDU-Politiker. Tabea Rößner, Bundestagsabgeordnete der Grünen, sprach sich für einen Jugendmedienschutz aus, der den Realitäten Rechnung tragen soll. „Wir haben in Deutschland mit dem Konzept der regulierten Selbstregulierung einen guten Ansatz, den wir weiterentwickeln müssen.“

Während klassische Computerspiele mit Umsatzverlusten zu kämpfen haben, befindet sich die Browsergames-Sparte in Deutschland in einer kräftigen Wachstumsphase. Im Jahr 2010 stieg der Umsatz mit diesen Spielen, für die nur ein Zugang zum Internet sowie ein Internetbrowser benötigt werden, in Deutschland um 28 Prozent auf 268 Millionen Euro. Insgesamt lag der Branchenumsatz 2010 bei 1,86 Milliarden Euro. Nach Schätzungen des Branchenverbandes BIU arbeiten in Deutschland 10 000 Menschen fest oder frei in der Gamesbranche.

Guido Eickmeyer vom Spiele-Verlag Koch Media hat ein gespaltenes Verhältnis zur Regulierung. Niemand stelle den Jugendmedienschutz in Frage, aber Regulierung könne sehr wohl kontraproduktiv sein, wenn sie an der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen vorbei gestaltet wird. Gerhard Florin von Innogames kritisiert, dass Computerspiele über Jahre in die Schmuddelecke gestellt wurden. Man dürfe sich nicht wundern, wenn es keinen Nachwuchs gibt, wenn ein High-Tech-Land eine komplette Industrie verschläft. „Ich hoffe, dass sich das bei den Online-Games nicht wiederholt.“

Für den Erfolg im Online-Bereich steht besonders der Browsergames-Hersteller Bigpoint. „Die deutschen Spiele-Entwickler sind bei den neuesten Trends ganz vorne mit dabei“, sagte Geschäftsführer Heiko Hubertz. Mit „Drakensang Online“ entwickelt sein Unternehmen in Berlin ein Browsergame, das in Aussehen und Spielweise wie ein Kauftitel wirkt, aber kostenlos angeboten wird.

Auf einen Höhepunkt muss die Veranstaltung verzichten: Der Deutsche Computerspielpreis, der abwechselnd in Berlin und München vergeben wird, wurde in diesem Jahr in der bayerischen Landeshauptstadt verliehen. Im nächsten Jahr aber, das wurde am Montag in Berlin bekannt gegeben, wird der Preis wieder auf den Gamestagen Ende April überreicht.

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