Buchrezension : Auch Online-Rollenspieler brauchen Betriebsräte

Im neuen Roman von Cory Doctorow werden viele Menschen in der Produktion virtueller Güter ausgebeutet – eine literarische Verarbeitung aktueller Theorien zur Netzzukunft.

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Cory Doctorow malt sich eine Welt aus, in der Multiplayer-Games die Ökonomie bestimmen.
Cory Doctorow malt sich eine Welt aus, in der Multiplayer-Games die Ökonomie bestimmen.Foto: Joi Ito

Cory Doctorow ist ein Energiebündel. In seinen Vorträgen tritt der kanadische Autor, Journalist und Blogger für Themen wie Datenschutz oder die Liberalisierung des Urheberrechts ein. Auch in seinen Romanen geht es immer wieder darum, wie das Informationszeitalter unser aller Leben verändert. Über sich selbst sagt Doctorow: "Ich bin Science-Fiction-Autor, kein Futurologe. Ich bin nicht gut darin, Vorhersagen zu machen: Meine Geschichten beschreiben Verhältnisse von heute, gekleidet in oft nicht sehr wahrscheinliche künftige Wendungen." In Little Brother (2009) drehte Doctorow den grassierenden Überwachungswahn graduell weiter, in Down and out in the Magic Kingdom (2003) entwarf er eine Reputationsökonomie, in der die Kaufkraft der Menschen von ihrem ständig wechselnden öffentlichen Ansehen abhängt.
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Doctorows neuer Roman For the Win, bis jetzt nur auf Englisch erschienen, spielt in der nahen Zukunft. Multiplayer-Games sind beliebter als jemals zuvor: Die Erben von World of Warcraft heißen Svartalfaheim Warriors, Mushroom Kingdom oder Zombie Mecha und werfen Milliardengewinne ab; allein acht dieser Spielewelten rangieren in der Liste der zwanzig größten Volkswirtschaften. Die Nachfrage nach virtuellen Ausrüstungsgegenständen hat eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen lassen: Auf der einen Seite reiche Spieler aus den USA und Europa, die sich ein magisches Schwert lieber kaufen, als dafür stundenlang gegen einen Drachen zu kämpfen; auf der anderen Seite Hunderttausende meist jugendliche Goldfarmer, die in China oder Indien unter schlechten Arbeitsbedingungen diese Objekte "erspielen", um sie illegal weiterzuverkaufen. Der Großteil der Erlöse fließt in die Taschen der Sweatshop-Betreiber; wer aufbegehrt, wird verprügelt oder entlassen. Bis sich eines Tages aus dieser anonymen Masse von Ausgebeuteten heraus eine Bewegung bildet, die für die Rechte der Arbeiter zu kämpfen beginn.

Doctorow beschreibt in For the Win die Weiterentwicklung eines realen Phänomens: Nach Schätzung der Universität Manchester bestritten 2008 weltweit 400.000 Menschen ihren Lebensunterhalt mit Goldfarming. Statt blanker Zahlen bringt Doctorow dem Leser eine ganze Reihe von Figuren näher, die auf die eine oder andere Art am Goldkreislauf teilhaben. Da wäre zum Beispiel die 14-jährige Mala aus einem Slum von Mumbai, die dank ihres taktischen Talents zur Oberbefehlshaberin einer Zombie Mecha-Armee aufsteigt - und fortan im Auftrag der Spielefirma Jagd auf Goldfarmer macht. Oder der junge Matthew aus der südchinesischen Industriestadt Shenzhen, der nicht mehr für seinen skrupellosen Boss arbeiten will und allen Widerständen zum Trotz mit Freunden einen neuen Goldfarming-Clan gründet. Oder der US-Boy Leonard "Wei-Dong" Goldberg, der auf eigene Faust Chinesisch lernt und sich - von Kalifornien aus - dem Clan von Matthew anschließt. Nicht zu vergessen das Wirtschaftsgenie Connor Prikkel, das mit einer eigens entwickelten Gleichung den Wert jeglichen virtuellen Gutes vorausberechnen kann – und deshalb vom weltweit größten Spieleanbieter Coca Cola Games als Chefökonom verpflichtet wird.

Was For the Win zu einer außerordentlich spannenden Lektüre macht, sind nicht zuletzt die Wechselwirkungen zwischen Spiel und Realität. Während die sogenannten Webblies aus Internet-Cafes heraus im Mushroom Kingdom einen virtuellen Streik fahren, müssen sie jederzeit damit rechnen, von der chinesischen Polizei verhaftet und misshandelt zu werden. Allerdings verfügen die Gewerkschaftler über ein ausgeklügeltes Netz an Informationskanälen, das ihnen einen knappen Vorsprung vor den Häschern lässt. Cory Doctorow greift hier die Ideen des Wirtschaftswissenschaftlers Ronald Coase auf, die auch der US-amerikanische Netztheoretiker Clay Shirky in seinem Buch Here comes everybody weiterspinnt: In jedem Unternehmen fallen "Reibungskosten" durch menschliche Kollaboration an.

Große Firmen (bei Doctorow Staaten oder Spielebetreiber) können diese Kosten durch hohen finanziellen Aufwand niedrig halten und damit ihre Macht sichern. Wenn aber eine finanzschwache Organisation dank offener Kommunikationskanäle frei kollaborieren kann, wird sie für die Mächtigen zur Bedrohung. Die Webblies versuchen genau das: Sie nutzen Internet, Mobilfunk und die Schwachstellen der hochkomplexen Parallelökonomien, zu denen die Online-Spiele geworden sind. Gleichzeitig suchen sie den Kontakt zu alteingesessenen Gewerkschaften, um den Protest auf die Straßen zu tragen.

Nun ist das demokratische Potenzial des Internet durchaus umstritten: Kritiker beklagen die Banalität, die in sozialen Netzwerken wie Facebook herrscht. In For the Win huldigt Cory Doctorow aber keineswegs blind der Technik: Sein Buch zeigt ebenso sehr die Gefahren auf, die in der permanenten Überwachung missliebiger Staatsbürger liegen. Darüber hinaus ist For the Win ein erhellender Beitrag zur weltweiten Finanzkrise: Anschaulich schildert Doctorow die haarsträubenden Spekulationen mit virtuellem Gold, in die nicht zuletzt die Spiele-Betreiber selbst verstrickt sind. Dass der Autor seine Wirtschaftslektionen teils unverbunden in den Text einfügt, mag nicht jedermanns Sache sein. Aber auch sie sind spannend und leicht verständlich geschrieben.

Die Szenen aus Svartalfaheim Warriors oder Mushroom Kingdom sind nicht nur für Spielefans interessant, denn sie vermitteln einen guten Einblick in zeitgenössische Onlinewelten wie World of Warcraft. Mit 500 Buchseiten ist For the Win allerdings etwas zu lang geraten. Doctorow verliert sich bisweilen in seinen originellen Einfällen. Trotz der bisweilen ausufernden Nebenhandlung ist For the Win Doctorows bisher bestes Buch: Immer dicht dran an den Charakteren, vielschichtig und mit einer kraftvollen politischen Aussage: Nur wer sich organisiert, hat gegen die Ausbeuter dieser Welt eine Chance.

Die gebundene Ausgabe von For the Win ist im Mai 2010 erschienen. Das E-Book ist auf Doctorows Seite craphound.com frei erhältlich, ebenso seine älteren Texte.

Mit freundlicher Genehmigung von ZEIT Online.

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