Gamescom : In der Haut von Barack Obama

Neue Rollenspiele, Blockbuster, tragbare Playstations und das Thema Jugendschutz in Köln auf der größten Videospielemesse der Welt

Achim Fehrenbach
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Die neue mobile PlayStation. -Foto: dpa

Die Auftritte von Peter Molyneux haben stets etwas von einer Zeremonie. Wenn der bekannte Spiele-Designer die Bühne erklimmt und über seine neuesten Projekte spricht, klingt er stets sehr feierlich. Am Mittwoch, zum Auftakt der Videospielemesse Gamescom in Köln, weiht Molyneux den voll besetzten Konferenzsaal in die Grundzüge von „Fable 3“ ein. Die Rollenspiel-Serie, die der Brite mit seinen „Lionhead Studios“ für Microsoft vorantreibt, soll mit dem dritten Teil einen neuen Höhepunkt erfahren. Als Regent über das Fantasy-Königreich Albion werde man die Konsequenzen politischen Handelns hautnah erfahren, so Molyneux. Wie einst Queen Victoria oder jetzt Barack Obama. Klappern gehört zum Geschäft, besonders in der Computerspiele-Branche und ganz besonders auf einer gigantischen Messe wie der Gamescom. Wem es da nicht gelingt, auf sich aufmerksam zu machen, der geht im allgemeinen Getöse unter. 420 Aussteller aus 30 Ländern präsentieren noch bis Sonntag ihre Produkte. Nach dem Umzug der Spielemesse von Leipzig nach Köln erwarten die Veranstalter mehr Besucher denn je – gerüchteweise wurden im Vorverkauf bereits mehrere hunderttausend Karten abgesetzt. Die Videospielfans pilgern zur Messe, um die sehnlichst erwarteten Neuerscheinungen der kommenden Monate vorab zu testen. Begierig verschlingen sie aber auch die kleinste Neuigkeit zu Spielen, deren Veröffentlichungstage noch nicht absehbar sind. Oft reichen schon ein paar gut gesetzte Worte und ein kurzer Trailer aus, um die Fans zu elektrisieren.

FUSSNOTEN UND BLOCKBUSTER

Es ist also durchaus überraschend, wenn Peter Molyneux zwar „Fable 3“ ankündigt, aber eines der aktuell spannendsten Spiele-Projekte nur in einem Nebensatz erwähnt: „Ja, wir arbeiten noch an ,Natal’.“ Eine geradezu grausame Informationsverknappung, wenn man bedenkt, wie viel Aufsehen Microsofts „Project Natal“ zuletzt hervorgerufen hat. Statt mit Controllern sollen sich Spiele künftig einzig und allein mit Körperbewegungen steuern lassen – eine Tiefensensor-Kamera zeichnet Gestik und Mimik der Spielenden auf. Ähnliches hat Konkurrent Sony mit seinem „Motion Controller“ vor. Beide Projekte könnten die Spielwelt revolutionieren. Dass sie auf der Gamescom nur Fußnoten sind, ist eine Enttäuschung. Allerdings gibt es immer noch genügend Gründe, sich ins Messegewühl zu stürzen. Da wären natürlich die kommenden Spiele-Blockbuster à la „Diablo 3“, „Heavy Rain“ und „Uncharted 2“ – Spiele mit den Produktionskosten von Hollywoodfilmen, für die sich lange Warteschlangen an den Messeständen bilden. Auch die Musikspiele, von „Band Hero“ bis zu „The Beatles Rock Band“, erfreuen sich auf der Gamescom großer Beliebtheit. Daneben gibt es noch eine ganze Reihe beachtenswerter Neuerscheinungen.

WIE SKATEBOARD UND FUSSBALL

Aus dem breiten Feld der Sportspiele beispielsweise sticht die Skateboarding-Simulation „Tony Hawk Ride“ heraus. Der US-Publisher Activison präsentiert ein Steuergerät, das stark an ein reales Skateboard erinnert – allerdings ohne Rollen. Ganz wohnzimmerkompatibel werden die Bewegungen des Spielers mittels Infrarot-Sensoren aufgezeichnet und in digitale Kunststücke umgewandelt. Während „Ride“ seine Markttauglichkeit erst noch beweisen muss, sind Spiele mit der drahtlosen Wii-Steuerung auf der Gamescom bereits omnipräsent. Wer des Wackelns und des Zappelns überdrüssig ist, mag sich beim Thema Sportspiele doch wieder einem klassischen Zweikampf zuwenden: Die Firmen Konami und Electronic Arts duellieren sich seit Jahren um die Krone der besten Fußballsimulation. Sowohl „Pro Evolution Soccer 2010“ als auch „Fifa 10“ erscheinen im Herbst – auf der Gamescom lassen sich die Stärken und Schwächen der Spiele direkt vergleichen.

IN ANDERE ROLLEN SCHLÜPFEN

Wenig Konkurrenz gab es lange Zeit auf dem Gebiet der Online-Rollenspiele: Das Fantasy-Universum „World of Warcraft“ ist dort mit weit über zehn Millionen Abonnenten der unangefochtene Marktführer. Wer jedoch Laserstrahlen, Raumschiffen und Außerirdischen viel mehr abgewinnen kann als Orks, Elfen und Magiern, dürfte bald eine neue Rollenspiel-Heimat finden – entweder in „Star Trek Online“ oder in „Star Wars: The Old Republic“. Recht beeindruckende ScienceFiction-Welten bietet auch das japanische Spiel „Final Fantasy XIV“, welches aber wohl erst 2010 erscheinen wird.

FÜR KINDER UND FAMILIEN

Die wohl einfallsreichsten Spielekonzepte sind auf der Kölner Messe im Bereich Kinder- und Familienspiele zu finden: „EyePet“ ist so etwas wie die Weiterentwicklung des wohlbekannten Tamagotchi. Das animierte Flauschwesen reagiert auf Objekte und Bewegungen, die mit der Playstation-Eye-Kamera aufgezeichnet werden. Es lässt sich kraulen oder spielt mit dem aufgemalten und eingescannten Matchboxauto – und das verblüffend lebensecht. Lust aufs Experimentieren macht auch das Rätselspiel „Scribblenauts“ für die Mobilkonsole Nintendo DS. Statt vorgegebene Gegenstände zu benutzen, tippt man einfach in die Tastatur ein, was man gerade gebrauchen könnte – bei 10 000 möglichen Begriffen sind dem kreativen Kombinieren kaum Grenzen gesetzt.

JUGENDSCHUTZ UND ZENSUR

Pünktlich zur Videospielemesse in Köln hat die Debatte um gewalthaltige Spiele neue Nahrung bekommen. Der Anstoß kommt diesmal jedoch nicht aus den Reihen der Politik, sondern aus der Spieleindustrie selbst. So fordert Branchenprimus Electronic Arts, den deutschen Sonderweg beim Jugendschutz zu beenden. EA-Manager Gerhard Florin möchte die Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) abschaffen. „Das ist Zensur, was wir hier machen, aber keiner beschwert sich.“ Die USK vergibt Alterseinstufungen, die für den Handel verpflichtend sind. So können Spiele, die „ab 18“ eingestuft sind, nur bei Volljährigkeit erworben werden. Das USK-Prüfgremium setzt sich aus Vertretern von Staat und Gesellschaft zusammen. EA-Manager Florin fordert, die USK-Einstufung durch das PEGI-System zu ersetzen, das von 28 Staaten genutzt wird und als weniger streng gilt. Sein Argument: „Wenn in Deutschland über Spiele gesprochen wird, dann über Gewalt oder angebliche Suchtgefahr, nicht über kulturellen Stellenwert.“ Dieser Vorstoß wird in Köln lebhaft diskutiert – unter anderem beim Gamescom-Kongress, der auch die gesellschaftliche Verantwortung der Spielehersteller zur Debatte stellte.

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