Neue Games : Hackerangriff: "Technobabylon" und "Invisible, Inc." im Test

Wie sieht unsere Welt in 50 Jahren aus? Zwei neue Computerspiele entführen in eine Zukunft zwischen Nanotechnik, Überwachung und Künstlicher Intelligenz. Als Hacker unterwandern Spieler das System.

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Hacken unter höchster Gefahr: Szene aus "Invisible, Inc."
Hacken unter höchster Gefahr: Szene aus "Invisible, Inc."Screenshot: Klei Entertainment

Wenn Game-Designer sich die Zukunft vorstellen, dann oft als Dystopie. Computerspiele wie "Deus Ex" oder "Watch Dogs" zeigen Gesellschaften, die von Überwachung, Repression und den Interessen globaler Konzerne bestimmt werden. Die Heldinnen und Helden dieser Spiele sind stets Außenseiter: Sie kämpfen gegen das herrschende System und nutzen dabei ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten - so wie der Hacker Neo im Film "Matrix".
Computerspieler jedoch sind nicht nur Zuschauer: Sie schlüpfen selbst in die Rolle der Helden, bestimmen selbst über deren Schicksal. Der Kampf nimmt sehr unterschiedliche Formen an: Dystopien gibt es als Rollen- und Strategiespiele, als Point-and-Click-Adventures und Open-World-Games, in denen man futuristische Städte erkundet. In den letzten Wochen sind gleich zwei neue Science-Fiction-Spiele vor dystopischer Kulisse erschienen: "Invisible, Inc." von Klei Entertainment und "Technobabylon" von Wadjet Eye Games. Wir haben die beiden Neuerscheinungen für Sie getestet.

Überwachung und Hacking in Videospielen
Computerspieler lieben Zukunftsszenarien. Selbst dann, wenn sie ausgesprochen düster sind. Dystopische Games zeigen Gesellschaften, die von Überwachung, Repression und den Interessen globaler Konzerne bestimmt werden. Die Spieler schlüpfen dabei häufig in die Rolle von Außenseitern, die mit High-Tech gegen das System kämpfen. In unserer Bildergalerie stellen wir die spannendsten Hacker-Games vor.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Screenshot: Capcom
08.06.2015 15:46Computerspieler lieben Zukunftsszenarien. Selbst dann, wenn sie ausgesprochen düster sind. Dystopische Games zeigen...

Invisible, Inc. (PC, Mac, Linux)
Klei Entertainment genießt einen hervorragenden Ruf: Das kanadische Independent-Studio entwickelte das Survival-Spiel "Dont' Starve" und das 2D-Schleichspiel "Mark of the Ninja", beide wurden Bestseller. Auch "Invisible, Inc." ist ein Schleichspiel, allerdings keines, bei dem es auf Fingerfertigkeit und schnelle Reaktionen ankommt. Stattdessen geht es um Strategie und Risikobereitschaft.
Wir schreiben das Jahr 2074: Die Regierungen sind abgesetzt, die Welt wird von Großkonzernen beherrscht. Invisible, Inc. ist eine Auftragsfirma, die Konzerngeheimnisse ausspioniert - sie verfügt über ein weltweites Netz von Agenten und eine hoch entwickelte Künstliche Intelligenz namens Incognita. Eines Tages wird die Firma enttarnt und ihr Hauptquartier überfallen, nur wenigen Mitarbeitern gelingt die Flucht. Sie haben genau 72 Stunden Zeit, um ihren letzten großen Auftrag auszuführen. Doch um die Supercomputer mit Incognita am Laufen zu halten, braucht es viel Geld. Das muss der Spieler bei Spionage-Aufträgen rund um den Globus verdienen.

"Invisible, Inc." ähnelt dem großartigen "XCOM: Enemy Unknown". In beiden Spielen lotst man Einsatzteams durch gefährliche Missionen, die Zug um Zug auf einer in Felder unterteilten Karte ablaufen - und die aus der Vogelperspektive gesteuert werden. Bei "Invisible, Inc." wählt man aus einem Agenten-Pool ein Zweier-Team aus. Agent Brian Decker etwa ist ein Meister der Tarnung, während seine Kollegin Maria "Internationale" Valdés Computer-Terminals sogar durch Wände hindurch hacken kann: Beiden nutzen High-Tech-Implantate, um ihre Fähigkeiten zu verbessern. In den Missionen infiltrieren die Agenten Firmenräume, um wertvolle Wirtschaftsdaten zu stehlen und nebenbei auch den einen oder anderen Geldtresor zu knacken - unterstützt werden sie dabei von Incognita. Die Räumlichkeiten sind mit Überwachungskameras, Laserschranken und Tür-Passwörtern gesichert, schwer bewaffnete Wachen patrouillieren durch die Gänge. Der Clou: Die Labyrinthe von "Invisible, Inc." sind nicht einzeln von Hand entworfen, sondern werden prozedural generiert, also mit einem gewissen Zufallsfaktor vom Computer erzeugt. Keine Mission ist wie die andere - das erhöht den Wiederspielwert enorm.

Die Künstliche Intelligenz Incognita hackt das Sicherheitssystem. Szene aus "Invisible, Inc.".
Die Künstliche Intelligenz Incognita hackt das Sicherheitssystem. Szene aus "Invisible, Inc.".Screenshot: Klei Entertainment

Agent Decker & Co. tun alles, um bei ihrem Raubzug unentdeckt zu bleiben. Direkte Konfrontationen mit Wachen gilt es zu vermeiden, sie enden meist tödlich. Stattdessen sind Schleichen, Tarnung und das Hacken von Sicherheitssystemen gefragt. Wichtig ist, so schnell wie möglich die zentralen Punkte des Labyrinths ausfindig zu machen: den Standort des Hauptcomputers, bewachte Nadelöhre und den rettenden Ausgang. Je länger eine Mission dauert, desto gefährlicher wird sie. Denn wenn klar ist, dass sich Eindringlinge in der Firma befinden, erhöht sich die Alarmstufe mit jedem Spielabschnitt - die Firewalls sind dann schwerer zu knacken, es gibt zusätzliche Überwachungskameras und auch mehr Wächter, die zudem stärker bewaffnet sind.
Spieler müssen sich ihr Vorgehen genau überlegen - sonst verzetteln sie sich und landen in einer tödlichen Sackgasse. Jedem Agenten stehen pro Runde eine bestimmte Anzahl "Aktionspunkte" zur Verfügung: Mit diesen Punkten kann der Spieler die Figur über das Feld ziehen, Türen öffnen oder Terminals hacken. Bevor man einen Raum betritt, sollte man auf jeden Fall prüfen, ob er von Kameras oder Security-Mitarbeitern überwacht wird; dafür schaut man durchs Schlüsselloch oder linst um Ecken. Felder, die im Sichtkegel einer Wache oder Kamera liegen, sind rot eingefärbt und müssen gemieden werden. Gegner haben bestimmte Laufwege, man kann sie umschleichen oder hinterrücks betäuben - allerdings wachen sie nach ein paar Spielrunden wieder auf und schlagen Alarm. Dann sollte man nicht mehr in ihrer Nähe sein.

Schleichen... und dann hinterrücks überwältigen: Szene aus "Invisible, Inc.".
Schleichen... und dann hinterrücks überwältigen: Szene aus "Invisible, Inc.".Screenshot: Klei Entertainment

Das Hacken der Sicherheitssysteme übernimmt stets die KI-Begleiterin Incognita. Ähnlich wie die Agenten verfügt sie über rundenweise aufgefrischte Aktionspunkte - je höher die Sicherheitsstufe eines Terminals ist, desto mehr Punkte müssen investiert werden. Damit unterscheidet sich "Invisible, Inc." von anderen Games, die das Hacken mit Rätseln und Logikaufgaben verknüpfen. Langweilig wird "Invisible, Inc." allerdings nicht, im Gegenteil: Das permanente Abwägen von Chancen und Risiken ist ein hoch spannender Balance-Akt. Erkundet man weitere Räume, in denen vielleicht noch wertvolle Beute wartet? Oder strebt man lieber in Richtung Ausgang, weil die Alarmstufe unentwegt steigt?
Schon auf der ersten von drei Schwierigkeitsstufen ist "Invisible, Inc." sehr anspruchsvoll. Die zufallsgenerierten Level sind manchmal so aufgebaut, dass der Weg zum Ausgang kaum zu schaffen ist. Wird ein Agent im Einsatz verhaftet, kann man ihn zwar wieder befreien - doch diese zusätzlichen Rettungsmissionen nagen am 72-stündigen Zeitlimit. Wer einen unbedachten Zug gemacht hat, kann die begrenzte Rückspulfunktion nutzen; in manchen Fällen hilft aber nur der Level-Neustart. Musik und Comic-Grafik passen hervorragend zum spannenden Agenten-Szenario, auch der schrittweise Ausbau ihrer Fähigkeiten motiviert. Fans von rundenbasierten Strategiespielen werden mit "Invisible, Inc." lange Spaß haben.

"Invisible, Inc." für PC, Mac und Linux (Download). Preis: 20 Euro. USK: Keine Alterseinstufung.

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