Neue Games : Kunst und Katastrophen

Sommerloch? Gibt es bei Games nicht. Wir stellen drei spannende Download-Titel vor: Das abstrakte Rennspiel "Proun", die Spurensuche "Trauma" und die Göttersimulation "From Dust".

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Szene aus "From Dust".
Szene aus "From Dust".Screenshot: Ubisoft

From Dust

Ein Grollen lässt die Erde erzittern, dann bricht der Vulkan mit Urgewalt aus. Glühende Lava strömt die Hänge hinab und nähert sich bedrohlich einer Siedlung, die zwischen Berg und Meer auf einem schmalen Küstenstreifen liegt. Für Flucht ist es zu diesem Zeitpunkt längst zu spät – in wenigen Sekunden werden die Dorfbewohner von der Feuerwalze überrollt werden. Doch wie durch ein Wunder öffnet sich am Fuß des Berges plötzlich die Erde, und ein tiefer Graben entsteht. Die Lava fließt hinein, hin zum Meer, und verschwindet in den zischenden Fluten. Das Dorf ist noch einmal verschont geblieben – dank göttlicher Einmischung.

"From Dust" ist das neue Spiel des französischen Gamedesigners Eric Chahi. Der genießt seit "Another World" (1991) einen ausgezeichneten Ruf, hat sich aber in den letzten zwei Jahrzehnten ziemlich rar gemacht. Mit "From Dust" feiert Chahi ein gelungenes Comeback: Das Spiel verbindet Strategie mit Improvisation und einer brillanten Grafik. "From Dust" ist, ähnlich wie der Klassiker "Populous", dem Genre der Göttersimulationen zuzuordnen: Der Spieler schlüpft in die Rolle eines übernatürlichen Wesens, das einen Eingeborenenstamm vor allerlei Katastrophen bewahrt. Das malerische Südseearchipel wird im Minutentakt von Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen heimgesucht – der Spieler hält dagegen, indem er die Landschaft nach eigenem Gutdünken verändert. Das Ganze erinnert an die Sandkastenspiele unserer Kindheit und macht genau deshalb großen Spaß.

Mit einfachen Aufgaben bereitet "From Dust" auf die immer komplexer werdenden Szenarien vor. Zunächst gilt es, einen Siedelplatz für die nomadischen Eingeborenen zu finden – infrage kommen all jene Orte, an denen die Stammesvorfahren in grauer Vorzeit Totem-Statuen errichteten. Erst wenn alle Kultstätten besiedelt sind, tut sich das Tor zum nächsten Level auf. Der Spieler bahnt den Nomaden einen Weg durch das hindernisreiche Inselterrain: Er baut Landbrücken und Dämme, hebt Gräben aus und legt Tümpel trocken. Dafür kann er begrenzte Mengen Erde, Wasser oder Lava aufnehmen und an anderer Stelle platzieren. Überlebenswichtig ist, gegen Naturkatastrophen und deren Folgeerscheinungen gewappnet zu sein: Vulkanausbrüche können Waldbrände auslösen, Erdbeben senken Inselteile so weit ab, dass sie überflutet werden. Im Kampf gegen die Elemente helfen magische Fähigkeiten, die es auf der Insel zu sammeln gilt. Selbst ein herandonnernder Tsunami lässt sich aufhalten, wenn er per Beschwörungstanz in eine stillstehende Wasserwand verwandelt wird.

Jeder Spieler entwickelt nach und nach seine eigenen Strategien für "From Dust". Langeweile kommt nicht auf, weil jede Karte neue Herausforderungen bietet. Gegen Ende wird das Spiel sogar richtig schwer, weil schon kleinste Ereignisse unvorhersehbare Kettenreaktionen auslösen können – da wird dann in Sekunden zunichte gemacht, was vorher mühsam aufgebaut wurde. "From Dust" lässt uns die unberechenbare Macht der Naturgewalten deutlich spüren – Frustmomente inklusive. Zugleich ist es ein Spiel von selten gesehener Grafikpracht, das die Erhabenheit der Natur im Chaos zelebriert.

"From Dust" für Xbox 360 und PC. Preis: 15 Euro. USK-Altersfreigabe: ab 6 Jahren.

Szene aus "Proun".
Szene aus "Proun".Screenshot: Joost van Dongen

Proun

Quietschende Reifen, röhrende Motoren: Rennspiele am Computer setzen meist auf krachende Action und einen möglichst hohen Grad an Realismus. Ganz anders geht es in "Proun" zu. Das Spiel gleicht einer Achterbahnfahrt durch ein modernes Kunstwerk: Über geschwungene Bahnen rollt eine Kugel mitten durch ein Dickicht aus abstrakten geometrischen Formen. "Proun"-Schöpfer Joost van Dongen hat sich vom Werk des russischen Avantgardisten El Lissitzky inspirieren lassen, der um 1920 zu den wichtigsten Vertretern des Suprematismus gehörte. Im Van Abbemuseum von Eindhoven war das Spiel bereits ausgestellt – Seite an Seite mit Werken von El Lissitzky.

"Proun" macht Kunst nicht nur sinnlich erfahrbar - es macht auch jede Menge Spaß. Ziel ist, mehrere Runden auf dem Achterbahn-Parcours in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen. Der Spieler steuert ausschließlich mit den Pfeiltasten "links" und "rechts" – um den heranrauschenden Dreiecken und Quadern auszuweichen, kann er die Kugel auch komplett um die röhrenförmige Rennbahn rotieren lassen. Kollisionen verlangsamen die Fahrt, fehlerfreie Läufe münden hingegen in einen irrwitzigen Geschwindigkeitsrausch, bei dem das Gefühl für oben und unten gänzlich verlorengeht. Als Belohnung winken zusätzliche Boosts, die sich jederzeit einsetzen lassen.

Ähnlich wie "Tetris" trainiert "Proun" den Spieler darauf, visuelle Muster in kürzester Zeit zu verarbeiten. Knallig bunte Farben und ein treibender Jazz-Soundtrack heizen das Ganze zusätzlich an. "Proun" ist ein leicht zu erlernendes, aber schwierig zu meisterndes Spiel – wer in die Highscore-Regionen vorstoßen will, muss sich die Strecken schon gut einprägen und eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringen. Per Splitscreen können bis zu vier Spieler am selben Computer gegeneinander antreten. Einen vollwertigen Online-Mehrspielermodus gibt es nicht, wohl aber einen "Ghost"-Modus, in dem die bereits aufgezeichneten Läufe anderer Rennfahrer als halbdurchsichtige Kugeln eingeblendet werden. Die Auswahl an Strecken ist noch gering, dürfte aber in den nächsten Monaten anwachsen, wenn "Proun"-Spieler eigene Kurse per Editor erschaffen.

"Proun" für PC. Das Spiel steht auf proun-game.com als Gratis-Download bereit. Die Kaufversion (beliebiger Betrag) enthält eine zusätzliche Rennstrecke.

Szene aus "Trauma".
Szene aus "Trauma".Screenshot: Krystian Majewski

Trauma

Eine fahl beleuchtete Bahnunterführung. Ein verlassenes Fabrikgelände. Und eine nächtliche Fußgängerzone, menschenleer: Den Schauplätzen von "Trauma" wohnt eine tiefe Trostlosigkeit inne. Es sind die Träume einer jungen Frau, die nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus liegt. Immer wieder kehrt sie an diese imaginären Orte zurück, um Spurensuche zu betreiben, um einen Ausgang aus der beklemmenden Isoliertheit zu finden.

Der Gamedesigner Krystian Majewski lässt in seinem Debüt bewusst eine Menge Frage offen. "Trauma" ist kein Spiel im eigentlichen Sinne, die Interaktionsmöglichkeiten sind auf ein Minimum reduziert. Ähnlich wie bei "Google Street View" klickt man sich durch kunstvoll komponierte Bildpanoramen, immer auf der Suche einem Lösungsansatz, einem Weg. Die Kamera zeigt stets nur einen kleinen Bildausschnitt, angrenzende Bereiche verschwimmen wie hinter Milchglas – so braucht der Betrachter eine ganze Weile, bis er sich zurechtfindet.

Polaroidfotos an Wänden und Bäumen geben dezente Tipps zur Maussteuerung, eine melancholische Frauenstimme verknüpft Erinnerungsfetzen und Assoziationen, doch vieles an "Trauma" bleibt rätselhaft. In der Fußgängerzone gilt es einen Teddybär zu befreien, der unter einer Betonkugel begraben liegt, auf dem Fabrikgelände verfolgt man eine geisterhafte Gestalt. Wie der Traumteilnehmer diese Symbolik deutet, bleibt gänzlich ihm selbst überlassen. Mit einem herkömmlichen Point-and-Click-Abenteuer hat "Trauma" denn auch herzlich wenig gemein, seine Stärke liegt in der überaus dichten Atmosphäre.

"Trauma" für PC. Als Download auf traumagame.com oder Steam. Preis: 5 Euro. Eine kostenlose Online-Version gibt es hier.

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