Neues Game : Im Zauberland

Das Hamburger Studio Daedalic Entertainment ist mit Computerspielen wie "Deponia" und "The Whispered World" bekannt geworden. Auch das neue PC-Abenteuer "The Night of the Rabbit" setzt auf Rätsel und handgezeichnete Kulissen.

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Szene aus "The Night of the Rabbit".
Szene aus "The Night of the Rabbit".Screenshot: Daedalic Entertainment

Jeremias "Jerry" Haselnuss hat ein großes Ziel: Er möchte ein berühmter Zauberer werden. Doch wie jeder Zwölfjährige muss sich Jerry stattdessen mit profanen Dingen herumschlagen, zum Beispiel seinen Hausaufgaben. Glücklicherweise sind gerade Sommerferien, und Jerry kann tun und lassen, was er will - also durchstreift er die Wälder, die an das Haus seiner Mutter grenzen. Eines Tages liegt eine seltsame Einladung im Briefkasten: Der Marquis de Hoto, ein weißer Hase in Menschengestalt, möchte Jerry zu seinem Zauberlehrling machen. Jerry folgt dem Marquis durch einen Portalbaum in das Märchenreich Mauswald - und erkennt, dass nur er dieses Idyll vor dem Untergang bewahren kann.

Mit "The Night of the Rabbit" legt Daedalic Entertainment ein weiteres Rätselabenteuer vor. Das Hamburger Entwicklerstudio ist für seine schrägen Computerspiel-Charaktere bekannt: Das schizophrene Mädchen in "Edna bricht aus", den traurigen Clown Sadwick in "The Whispered World" oder auch den größenwahnsinnigen Erfinder Rufus in "Deponia", das kürzlich mit dem Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet wurde. Die Spiele strotzen vor schwarzem Humor und popkulturellen Querverweisen - und richten sich an ein eher erwachsenes Publikum. "The Night of the Rabbit" schlägt andere Töne an: Der Erzählstil ist ruhig, die Figuren sind berechenbar und nur selten neurotisch. Mit der Orientierung an klassischen Märchen will das Spiel Erwachsene und Kinder gleichermaßen ansprechen.

Bevor Jerry das Zaubern erlernt, erkundet er ausgiebig Mauswald und Umgebung. Die Fantasiewelt ist ganz offensichtlich von Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" inspiriert - sie wimmelt von sprechenden Tieren und anderen seltsamen Wesen. Da gibt es zum Beispiel den Frosch Plato, der per Fahrrad die Post zustellt. Oder den Zwerg Steinberg, der im Wald den begehrten Blausaft produziert. Oder auch Spitzweg, ein altes Wiesel, das schon die ganze Welt gesehen hat. Sie alle bitten Jerry aus unterschiedlichen Gründen um Hilfe - Plato beispielsweise kann die Post nicht austragen, weil sein Fahrrad nahe einem magischen Baum festgefroren ist. Jerry erledigt selbst kniffligste Aufgaben - und nähert sich ganz nebenbei seinem Ziel, ein echter Zauberer zu werden.

Vom Spielprinzip her ist "The Night of the Rabbit" ein klassisches Point-and-Click-Adventure: Es gilt, verschiedene Gegenstände zu sammeln, zu kombinieren und im richtigen Moment zu nutzen. Das können einfache Aufgaben sein, etwa wenn Jerry für einen Kuchen Blaubeeren sammelt und den Strauch mit einem Stock von Spinnweben befreit. "The Night of the Rabbit" hält aber auch komplexe Kettenrätsel parat, für die der Nachwuchsmagier verschiedene Orte und Figuren aufsucht. Früh im Abenteuer erhält Jerry eine magische Münze, mit der sich eine Hotspot-Anzeige aktivieren lässt: Der Spieler sieht dann alle Interaktionspunkte im jeweiligen Level-Abschnitt. Mit Hilfe eines magischen Buchs kann Jerry später auch zwischen Tag und Nacht wechseln, um zeitabhängige Rätsel zu lösen. Ein Tagebuch listet zudem alle Etappenziele auf, die Jerry bereits gemeistert hat.

Szene aus "The Night of the Rabbit".
Szene aus "The Night of the Rabbit".Screenshot: Daedalic Entertainment

Das alles klingt erst einmal sehr vielversprechend. Doch leider enttäuscht "The Night of the Rabbit" gleich auf mehreren Ebenen. Das größte Versäumnis ist, dass die Handlung viel zu lange vor sich hindümpelt - wer auf dramatische Wendungen hofft muss fast bis zum Ende des Spiels warten. Vor allem die Multiple-Choice-Dialoge sind zu langatmig und pointenarm, um wirklich Spannung zu erzeugen. Meist sucht man in ihnen auch vergeblich nach Hinweisen, die bei der Lösung eines Rätsels helfen könnten - mit der Folge, dass man in einigen Situationen ohne jeden Anhaltspunkt dasteht. Das bedeutet Trial and Error - und besonders für (jugendliche) Adventure-Neulinge jede Menge Frust. Die magischen Fähigkeiten, die Jerry erwirbt, kommen nur selektiv zum Einsatz - das nimmt ihnen einen Gutteil ihrer Glaubwürdigkeit. Schade ist auch, dass "The Night of the Rabbit" nur selten abweichende Lösungen zulässt: Ein Beispiel ist der Brief, der sich zwar mit Schneckenschleim, nicht aber mit Honig oder Rübensirup zukleben lässt. Viele Ideen werden mit nichtssagenden Standardkommentaren abgebügelt - dabei machen andere Daedalic-Adventures auch deswegen so viel Spaß, weil sie kreativ-absurde Lösungsvorschläge mit Spott bedenken.

Szene aus "The Night of the Rabbit".
Szene aus "The Night of the Rabbit".Screenshot: Daedalic Entertainment

Überhaupt ist der Humor nicht die Stärke dieses Spiels. Zwar erwartet niemand ein schwarzhumoriges Gag-Feuerwerk wie bei "Deponia" oder "Harveys neue Augen". Doch besonders Jerrys Äußerungen wirken altbacken und aufgesetzt - etwa dann, wenn er sich über die verbleibenden Ferientage freut ("Noch zwei Tage Abenteuer!"). Auch die Synchronstimme passt nicht zu Jerry - für einen Zwölfjährigen klingt sie definitiv zu alt. Atmosphärisch macht "The Night of the Rabbit" derweil alles richtig: Die rund 30 Schauplätze des Spiels sind von Hand gezeichnet und ausgesprochen detailliert; Animationen wie fließende Bäche und windbewegtes Gras machen die zweidimensionalen Kulissen lebendig und harmonieren sehr gut mit dem dezent eingesetzten Soundtrack. Zu einem erstklassigen Adventure fehlen "The Night of the Rabbit" aber vor allem eine spannende Handlung und interessante Charaktere.

"The Night of the Rabbit" für PC. Preis: 35 Euro. Keine Altersbeschränkung. Spieldauer: ca. 10 Stunden.

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