Medien : Ganz bei sich selbst: Helmut Schmidt

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Helmut Schmidt hat schöne Vorurteile, auch schön ausgewogene. Fährt ein Auto zu langsam durch die Straßen, dann ist dem Altkanzler zufolge mit Sicherheit eine Frau am Steuer. Sucht man indes für eine Erklärung, warum manche Ehen ein Leben lang halten, dann gibt es die gleiche Antwort: Auch das kann nur an den Frauen liegen. Doch solche Spontandiagnosen sind nur das Randläufige des Films von Felix Schmidt über Helmut Schmidt. In Wahrheit handelt es sich um eine zutiefst melancholische Betrachtung des Altkanzlers. Keine Fragen, keine kommentierenden Überleitungen, keine Befragungen von Zeitzeugen oder Wissenschaftlern – Helmut Schmidt ist in diesem Dokumentarfilm „Mein Leben“ ganz bei sich selbst belassen. Was ihm Heimat ist und wie ihn die Schleyer-Entführung forderte, was ihm Musik, Segeln, Lesen bedeutet und wie es zum Nato-Doppelbeschluss kam, der strenge Vater, die Jahre im Krieg und die Hamburger Flutkatastrophe – all das ist aufs ungewöhnlichste aneinander gereiht und in sich verwoben, so dass man tatsächlich dem Menschen Schmidt näher zu kommen glaubt. Dazwischen selten gesehene, teilweise spektakuläre Bilder aus dem Archiv: etwa, wie sich Schmidt, als Verteidigungsminister, an ein Seil gekettet von einem Hubschrauber in die Luft ziehen lässt. Die wenigen aktuellen Bilder, die nicht aus Interviewsituationen stammen, wiederum zeigen einen alten, gebrechlichen Menschen, geradezu anrührend, der ohnegleichen geistig noch präsent ist. Ein ruhiger, ein schöner Film!

Nur ein echtes Ärgernis: Man kann es nicht anders denn eine Unverschämtheit heißen, dass der Film dem ZDF nur einen Sendeplatz zur nachtschlafenden Zeit wert ist. Vielleicht haben sich die Programmverantwortlichen bei dieser Entscheidung von der über weite Strecken unterlegten Musik inspirieren lassen: Es ist die Aria aus Bachs Goldberg-Variationen, die der Legende nach ja als GuteNacht-Musik für einen schlafgestörten Adeligen komponiert worden ist. psi

„Helmut Schmidt – Mein Leben“: ZDF, 0 Uhr 55

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