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Die RTL-Serie „Hintern Gittern“ spielt im Frauengefängnis – und ist sehr erfolgreich

Frank Bachner

Katy Karrenbauer wollte nur tanken. Aber nun stand sie da an dieser Tankstelle in Berlin-Spandau, und ein paar Meter weiter lungerten diese Typen. Die Typen waren jung, hatten abschätzende Blicke, und sie wirkten einschüchternd. Plötzlich schlenderte einer auf Karrenbauer zu und sagte grinsend: „Gut gemacht. Mach weiter so.“ Natürlich sagte er das nicht zu Karrenbauer, vielleicht kennt er diesen Namen ja nicht einmal. Er sagte es zu Christine Walter, zur lesbischen, rothaarigen Bankräuberin. Die kannte er. Die sitzt immer im Knast, im Frauenknast Reutlitz, jeden Montag ist sie dort zu sehen, auf RTL, in der Serie „Hinter Gittern". Die Gefangene Walter hat nichts zu suchen in Freiheit, an einer Tankstelle.

An der Tankstelle steht ja auch Karrenbauer, die Schauspielerin, aber die nimmt als Mensch keiner wahr. „Katy Karrenbauer verkörpert hundertprozentig Christine Walter. Die Zuschauer nehmen sie extrem an", sagt Dietmar Hammer. „Wenn Katy im Abendkleid auftaucht, sagen die Leute, die Walter habe sich verkleidet.“ Hammer ist Dramaturg bei der Produktionsfirma, die die Kultserie herstellt.

Man kann den Kult in Zahlen fassen. Seit vier Jahren Quoten zwischen 20 und 23 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen, 21,9 Prozent bei der jüngsten Folge am vergangenen Montag. Mehr als 60 Prozent der Zuschauer sind weiblich. Seit fünf Jahren läuft die Serie nun mit Erfolg.

Aber die Zahlen stehen wie eine Mauer, sie zeigen nicht die Seele dieser Sendung. Sie beantworten nicht die entscheidende Frage: Was macht diese anspruchslose Sendung so attraktiv? Was macht Christine Walter zur Kultfigur, die mit Briefen und e-mails überschüttet wird? Ausgerechnet Walter, eine Lesbe mit rüden Umgangsformen, die zuschlägt und pöbelt. Und ausgerechnet „Hinter Gittern", mit diesen Kulissen, die den Glanz einer Mülltonne abstrahlen. Triste Zellen, Gitter, graue Umgebung, selten eine Straße, die Frauen herb statt RTL-typisch gestylt. „In Serien ist normalerweise die Crème der Gesellschaft zu sehen", sagt Ulrike Münch. „Wir aber haben den Bodensatz.“ Münch arbeitete 18 Monate lang als Script Editor von „Hinter Gittern". Sie hatte die Kontrolle über die Drehbücher. Sie achtete darauf, dass die Figuren richtig gezeichnet sind und die Frauen ihre Persönlichkeit bewahren. Notfalls schrieb sie in kürzester Zeit Drehbücher um.

Also, woher dieser Erfolg? „Hinter Gittern“, sagt Münch, „ist authentisch. Und es herrscht ein hohes Maß an Emotionalität.“ Es muss um Gefühle gehen. Gefühle sind der Kontrast zur Kulisse. Denn im Knast sind ja alle uniformiert. Die Gefangenen und die Schließer. Also müssen die Menschen hinter der Einheitskleidung zu erkennen sein, ihre Facetten, ihre Schicksale. So sind die Figuren angelegt. „Im Lauf der Zeit erfährt der Zuschauer, was hinter dem Menschen steckt. Damit wird verständlich, warum eine Frau so hart wird.“

Jutta Adler, die frühere Gefängnisdirektorin, zum Beispiel. „Die war von vornherein als Mistvieh angelegt", sagt Münch, „aber im Lauf der Zeit kam heraus, dass sie ihre hartherzige Mutter gepflegt hat. Die Mutter hat sie tyrannsiert.“ Oder Melanie Schmidt, die bei einem Bankraub eine Frau erschossen hat. Eine brutale Figur, bis bekannt wird, dass sie eine harte Kindheit hatte.

Am wichtigsten aber ist Christine Walter, die Knastlesbe. Denn sie, die Kunstfigur, ist ja eigentlich eine menschgewordene Botschaft: Man kann sich wehren und dennoch im Kern ein guter Mensch bleiben. „Wir haben Christine Walter als absolut ehrlichen Typen angelegt. Sie wehrt sich notfalls mit den Oberarmen, aber sie ist grundehrlich, sie ist nie intrigant", sagt Münch. Es ist natürlich eine simple Botschaft, aber vielleicht gerade deshalb so populär. Denn Walter kämpft quasi stellvertretend. Für alle Frauen, die sich nicht trauen, sich zu wehren. Frauen schätzen die Rebellin mit der empfindsamen Seele, Männer die rauen Umgangsformen. „Junge Leute", sagt Dietmar Hammer, der Dramaturg, „lieben harte Frauen.“ Und natürlich wird sie nach den Wünschen der Zuschauer weiterentwickelt. Eine Menge Leute haben geschrieben, die Walter solle sich wieder verlieben. Also verliebt sich Christine Walter. Aber natürlich wird es eine unglückliche Liebe.

Doch das alles erklärt noch nicht den Erfolg von „Hinter Gittern". Schicksale erzählen ja auch andere Serien. Erst eine Mixtur aus Schicksalen, Tabubrüchen und Sehnsüchten der Zuschauer macht „Hinter Gittern“ offenbar zur Erfolgsserie. „Wann hat es denn schon mal Geschichten über Lesben gegeben?", sagt Münch. „Und vom Leben in Frauengefängnissen kannte doch kaum einer etwas. Das ist jetzt wie ein Blick durchs Schlüsselloch.“ Außerdem fühlten sich doch viele selbst wie in einem Gefängnis. Jeder wolle mal ausbrechen.

Der eingebaute Tabubruch, zum Beispiel auch bei der Sprache. Christine Walter schreit einen Mann an: „Du Arsch, ich beiß Dir die Eier ab.“ Und eine Nonne, die sich nicht an einem Drogenhandel beteiligt, wird von Gefangenen fast vergewaltigt. Die Obszönität gilt als Beweis der Ehrlichkeit. „Zuschauer sagen uns, dass sie bei der Serie nicht für dumm verkauft werden", sagt Hammer. Im Knast werde halt so gesprochen und gehandelt." Das empfand offenbar auch ein kleines Mädchen so. Ihre Mutter saß in einem Berliner Frauengefängnis, und die Tochter rief nach einer Folge den Direktor an. „Ich muss meine Mutter mit nach Hause nehmen, da geht es ja viel zu gefährlich zu", piepste die Anruferin ins Telefon.

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