Medien : Ganze Fragen, halbe Wahrheiten

Warum Journalisten und Politiker im Fernsehen so oft und so gerne aneinander vorbeireden

Barbara Sichtermann

Dass Fernsehen ein vorzügliches Instrument der Analyse ist, wird gerne ausgeblendet, wenn das Medium mal wieder als Beförderer von Verflachung und Verblödung am Pranger steht. Und dass es öffentlich-rechtliche Sender sind, die jene hohe Kunst der Selbstreflexion pflegen, daran muss derzeit, wo sich in der Presse ein vernehmliches Grummeln erhebt, denn die Gebühren sollen erhöht werden, nachdrücklich erinnert werden. Im Ersten und Zweiten Programm gäbe es auch nichts anderes als bei RTL und Pro 7, liest man. Wozu also zahlen? Ich möchte den Privatensender sehen, der Klaus Michael Heinz den Auftrag zu „Unsere Volksvertreter“ erteilt hätte. Der WDR hat es getan. Heinz ist schon mal mit einem verwandten Werk hervorgetreten. Sein Dreiteiler „Das Ganze eine Rederei“ fasste die Geschichte der Talkshow im Rahmen einer Talkshow zusammen. War schon die Idee an sich nicht übel, so wuchs das Unternehmen in die Klasse des Qualitätsfernsehens hinein durch die Sorgfalt, mit der einschlägiges Archivmaterial ausgesucht und in die laufende, ihre eigene Geschichte kommentierende Show hineingeschnitten wurde. Man erlebte eine Talkshow, die über Talkshows talkte und begriff dabei, wie das alles funktioniert. Der E-Faktor (Lerneffekt) gab dem U-Faktor (Spaßeffekt) in nichts nach. Und umgekehrt.

Propagandisten der Politik

Jetzt hat Heinz eine neue Puppe in der Puppe gebaut. In „Unsere Volksvertreter“ geht es darum, wie sich Parteiführer, Parlamentarier und Regierungsangehörige in dem Dauerinterview, das sich durch unser Nachrichtenwesen zieht, als Propagandisten ihrer Politik verhalten. Es geht auch darum, wie die Medienleute agieren, welche Tricks sie auffahren, um heiße Infos hervorzulocken, es geht um Fragestrategien und Unterstellungen, Verhöre und Verweise, Wahrheitssuche und Selbstinszenierung. Und es zeigt sich klar, dass das Verhältnis zwischen Politik und Medien keineswegs nur ein funktionelles ist, sondern Züge eines Machtkampfes trägt - wobei beide Seiten ihre Kompetenzen auch verkennen. Die Politiker vergessen öfters, dass sie, wenn sie schon ein Fernsehstudio betreten, hier sich auch der Vierten Gewalt unterstellen und sachlich Auskunft geben sollten – statt wahlkämpferisch herumzufuchteln oder Märchen zu erzählen. Und die Journalisten verwechseln immer wieder ihre Vermittlerrolle mit der eines Beichtvaters und glauben, tiefe Bekenntnisse erwarten zu dürfen, oder sie bedrängen ihre Opfer derart, dass denen nur die Flucht in die Verweigerung bleibt. Die Bilanz: Unsere Politiker und unsere TV-Journalisten belauern einander wie Hund und Katze. Wobei sich ein historischer Wandel abzeichnet. Einst, so formulierte es Friedrich Nowottny, haben nur die Journalisten die Politiker beobachtet. Sie wollten ja Berichte aus dem geheimen Bezirk der Macht nach Hause (ins Blatt, ins Fernsehen) bringen. Heute beobachten auch die Politiker die Journalisten – um günstigerer Auftrittsbedingungen willen. Die mediale Inszenierung von Politik gewinnt weiter an Gewicht.

Außer Nowottny beteiligen sich auch Sandra Maischberger, Ruprecht Eser und Heinz Klaus Mertes am Disput rund um die konfliktreiche Beziehung von Erster, Zweiter und Vierter Gewalt. Von Politikerseite ergänzen Gregor Gysi, Oskar Lafontaine, Michael Glos und Heiner Geißler die Runde. Als Moderatorin agiert durchsetzungsstark Anne Will. Im ersten Teil geht es um die Frage, ob Politiker lügen, ob sie lügen dürfen oder gar müssen, und wann unter allen Umständen die Wahrheit erforderlich sei. Im zweiten Teil kommt die besondere Qual ins Bild, die es Fragestellern bereitet, wenn ihr Gegenüber mauert oder gar nichts sagt. Oder wenn es nach der berüchtigten Formel „touch, turn, talk“ eine belanglose Bemerkung zu dem per Frage aufgebotenen Inhalt macht, dann eine Brücke zu seinem Lieblingsthema schlägt und dieses nun breit erörtert. Wie sehr die televisionären Dialoge solchen taktischen Mustern folgen, bei denen die Politiker darauf aus sind, per Überredungsarbeit Boden zu gewinnen und Sympathiepunkte einzustreichen und die Journalisten durch Mut, List oder Überrumpelung das kostbare Gut Information dem Polit-Promi abzutrotzen suchen, das machen beide Folgen wunderbar deutlich. Selten wurde Fernsehen so fruchtbar zur Untersuchung des Fernsehens eingesetzt.

Die Verbalattackierer

Interessant die Momente, in denen zum Beispiel der Heiner Geißler von heute seinem jüngeren Selbst dabei zuschaut, wie es rhetorische Haken schlägt oder wie die gesamte Runde den Altmeistern Strauß und Wehner bei der verbalen Attacke ehrfurchtsvoll lauscht. Aber in Erinnerungen verlieren kann man sich nicht, dafür hat es diese Revue zu eilig. Trotz hohen Tempos lässt sie sich nicht aus der Kurve tragen, bleibt sie getreu beim Thema. Strauß: Man soll Grundsätze hoch genug hängen, damit man noch unterdurch findet. Schily: Lügen soll man nicht, aber „taktische Umwege“ sind erlaubt. Geißler: Politik ist kein Gesangverein „Harmonie“. Und Anne Will resümiert: „Ist es ein Zeichen politischer Vernunft, keine Grundsätze zu haben?“ Gegen die man dann auf dem Sofa bei Michel Friedman auch nicht verstoßen kann?

Das Risiko bei einem solchen aktualisierenden Rückblick ist die Beliebigkeit, die rasch die Regie übernimmt, wenn allzu viele Bildschnipsel hintereinander geschnitten, allzu viel Kreuz- und Quergebrabbel dazu geliefert wird. Dieser Gefahr entgeht die Dokumentation nicht immer. Besonders im zweiten Teil, der ja die Frage verfolgt, warum und mit welchen Mitteln Politiker ausweichen, lässt die Fülle der Szenen, in denen dergleichen vorkommt, den Dokumentaristen vergessen, dass auch Weglassen eine Kunst sein kann. Im Großen und Ganzen aber hält die Spannung, da die Dramaturgie der Bilderfolge und die Mühen der Anne Will stets das Thema fixieren.

Man kommt sogar zu einer Art Ergebnis, nämlich: Dass politische Fernseh-Interviews nicht unbedingt auf die Überholspur gehören, und dass Günter Gaus mit seinen tieflotenden Gesprächen vor schwarzem Hintergrund und Sandra Maischberger mit ihren Intensiv-Interviews im engen n-tv-Studio schon einmal weiter waren..

Ferner: Augenblicke der Wahrheit sind selten, auf dem Bildschirm und anderswo. Dass wir alle Masken tragen, gehört zu unserer menschlichen Konstitution, und im Fernsehen wird diesem Umstand durch die Präsenz einer Maskenbildnerei eigens Rechnung getragen. Manchmal jedoch will ein Interviewer mehr haben oder sogar der Interviewte mehr geben. Dann kommt es zu einem Austausch, der im Gedächtnis der Zuschauer bleibt.

Versucht jedoch der Kerl mit dem Mikrophon dem Mann mit der Verantwortung die Maske vom Gesicht zu reißen, stößt er auf Gegenwehr. Die heißt Verweigerung, kein Kommentar. Lafontaine: „Es gibt Situationen, da kann der Politiker keine Antwort geben.“ Strauß: „Die Frage ist sinnlos.“ Aber auch solche eher peinlichen Momente gehören zum TV-Alltag. Sie schaden nicht einmal, denn, wie Nowottny sagt, „Fernsehen ist ein flüchtiges Medium.“

Um so größer das Verdienst des Klaus Michael Heinz, dem bunten Rauschen aus Jahrzehnten diese erhellende Dokumentation abgewonnen zu haben.

„Unsere Volksvertreter – Politikergespräche im deutschen Fernsehen": Montag und Dienstag um 23 Uhr in der ARD

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