Medien : Gartenzäune auf dem Atlantik

Was nach einer Fernseh-Zeitreise wie bei „Windstärke 8“ alles über Bord geworfen wird

Thomas Gehringer

70 Tage an Bord eines Dreimasters auf hoher See, noch dazu untergebracht, eingekleidet und ernährt wie die Auswanderer des 19. Jahrhunderts – nach einer solchen Reise quer über den Atlantik, von Bremerhaven nach New York, wird auch im richtigen Leben manches über Bord geworfen. Bei Hans-Peter Ammann war es die Matratze. Die Schiffsnächte auf dem Strohsack haben seinem schmerzenden Rücken gut getan, nun schläft er daheim auf einer dünnen Auflage. Ammann, ein sanfter Riese mit Vollbart und runder Brille, lacht viel, wenn er von der Reise berichtet. Erleichterung nach überstandenen Strapazen, denn Ammann, 60, Frauenarzt und Hobbykoch aus dem Münsterland, war der Schiffskoch. Von halb 5 in der Früh bis halb 11 am Abend schuftete er in einer engen Kombüse, die auf Saunatemperatur aufgeheizt wurde. „Ich war mittendrin in 1855“, sagt Ammann. Sein Alltag und der der Matrosen kamen den Bedingungen bei einer Überfahrt vor 150 Jahren wohl am nächsten.

Und darum geht es ja: Nach dem „Schwarzwaldhaus 1902“ und dem „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“ schickt die ARD mit „Windstärke 8 – Das Auswandererschiff 1855“ erneut Zeitreisende auf eine Tour in die Vergangenheit. Mit dem Sechsteiler im Ersten startet bei Arte heute eine fünfteilige Dokusoap (20 Uhr 15). Im Unterschied zur ARD wird dort auf dokumentarische Anteile (Tagebucheintragungen von Auswanderern, Fotos und Stiche) verzichtet. Der Ertrag bei diesem Format war groß: Aus den 320 Stunden Filmmaterial soll für 2006 noch eine 16-teilige ARD-Vorabendserie geschnitten werden.

Mehr als fünf Millionen Deutsche suchten im 19. Jahrhundert in Amerika eine neue Heimat. Bereits die Überfahrt war ein Abenteuer auf Leben und Tod. „Es ging ein bisschen auf Gedeih und Verderb“, sagt Kapitän Hans Temme, der den Dreimaster „Bremen“ fürs Fernsehen über die längere Südroute nach New York führte. Stürme bis Windstärke 11 schüttelten die „Bremen“ und ihre Passagiere durch. Da ächzt die Takelage, Wellenberge türmen sich auf. Gleich in der ersten Folge übergibt sich Passagier Schmidtke in den Atlantik. Weil seine Seekrankheit auch nach Tagen nicht nachlässt, wird er am Ende doch mit moderner Medizin behandelt. Einmal durften die Passagiere sogar E-Mails nach Hause absetzen, weil eine Flaute die Reisezeit erheblich verlängerte.

In Wahrheit können die Verhältnisse eben nur annähernd nachgestellt werden: Natürlich hatte die „Bremen“ aus Sicherheitsgründen einen Motor, Radar und ein motorisiertes Rettungsboot. Zwar war ab einem bestimmten Punkt das Aussteigen nicht mehr möglich, doch herrschte auf den Schiffen im 19. Jahrhundert eine drangvollere Enge. Zahnbürsten gab es damals auch nicht, jedenfalls nicht für das einfache Volk, und die Frauen trugen zwei Unterröcke mehr. Allerdings waren damals wie heute keine Toiletten vorhanden, man behalf sich mit einem Eimer. So veranschaulicht eine solche Serie die Alltags-Historie, aber sie lebt von den Menschen, die sich mit ihren gegenwärtigen Problemen den altertümlichen Verhältnissen aussetzen. „Es war für mich ein Phänomen zu sehen, dass die Gartenzäune an Land auf dem Schiff sofort wieder errichtet wurden“, sagt Ammann.

Gezielt war eine breite Palette von Identifikationsfiguren ausgewählt worden: Es gibt Kinder an Bord, den sympathischen Abiturienten Rolf Baasch, der als Schiffsjunge mutig in 30 Meter Höhe durch die Takelage klettert. Der Zimmermann Frank Jäcklein , Landwirt Clemens Stadler vom Bodensee, die Unternehmensberaterin Ute Nevels und der Software-Experte Olaf Kexel vom Niederrhein, die vor der Hochzeit ihre Beziehung erproben wollen. Schauspielerin Antje Schmiele aus Berlin spielte tatsächlich mit dem Gedanken auszuwandern, und die fünfköpfige Familie Schneider aus Niedersachsen hatte dies bereits hinter sich, denn sie war kurz vor der Wende aus der DDR geflohen.

Da wurde beim Casting wohl auf politischen Zoff spekuliert, denn mit Almuth Beck war eine ehemalige PDS-Abgeordnete aus Thüringen an Bord. 1999 wurde ihr im Landtag wegen Stasi-Vergangenheit das Mandat entzogen, doch das Verfassungsgericht erklärte dies später als unrechtmäßig. Politisch sei an Bord nicht diskutiert worden, behauptet Almuth Beck. Gemeinsam mit ihrer Enkelin Franziska unternahm die Liebhaberin von Segelschiffen „die Reise meines Lebens“. Auch sie hat dabei einiges über Bord geworfen: Vorurteile über Wessis und das Unverständnis für Republikflüchtlinge wie die Schneiders. „Mir ist ein Teil meines sozialistischen Bewusstseins abhanden gekommen“, sagt sie. „Dafür habe ich tiefere Einsichten gewonnen.“

„Windstärke 8 - Das Auswandererschiff 1855“, ARD, 21 Uhr 45

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