Geburtstag : Subversiver Stachel

Als Institution gegen die Institutionen: Der Hörspielregisseur Jörg Jannings wird 80

Christian Deutschmann
Mit körperlichem Einsatz, so lässt der Regisseur Jörg Jannings auch seine Schauspieler vorm Mikrofon agieren. Foto: Sandro Most
Mit körperlichem Einsatz, so lässt der Regisseur Jörg Jannings auch seine Schauspieler vorm Mikrofon agieren. Foto: Sandro Most

Einst war der Berliner Rias – der Rundfunk im amerikanischen Sektor, wie er ausgeschrieben hieß – nicht allein eine Trutzburg des Kalten Krieges, sondern ein Hort der Pflege demokratischen Gedankenguts. Einer heute undenkbaren Mischung aus jüdischen Remigranten, Liberalen, Antifaschisten und Kalten Kriegern gelang es damals, ein Programm zu machen, das an den großen Debatten jener Zeit teilnahm. In dieser Welt ist der Hörspielregisseur Jörg Jannings groß geworden, der am heutigen Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert. 1957 kam er zum Rias, nachdem er bei der Defa das Filmemachen gelernt hatte und dann Filmkritiker und Filmemacher wurde. Mit dem Rias, wohin ihn der damalige Oberspielleiter Hanns Korngiebel holte, ging er bis zu seiner Pensionierung eine lebenslange Ehe ein.

Inzwischen selber eine Institution ist Jannings auch vom Kampf mit der Institution Rundfunk geprägt. Vom „öffentlich-rechtlichen Tiefschlaf“ des Rundfunks spricht er gerne und von „Killern“, die das Hörspiel „in den dritten Hinterhof verbannt“ hätten. „Es ist schlimmer geworden“, sagt er heute und meint damit auch die Umstände der Zusammenlegung des alten Rias mit dem Deutschlandradio Kultur, die 1993 stattfand und ihm den Eindruck vermittelte, „dass sich eine Art Schlangengrube auftat“. So verabschiedete er sich da bereits mit 63 und setzt seitdem seine Arbeit als freischaffender Regisseur fort.

Dass Jannings beim Radio landete und nicht beim Film oder beim Theater, bezeichnet er als Zufall. Doch hat er sich ihm mit Leidenschaft verschrieben. In deutlicher Anspielung auf andere Radio-Trends sieht er sich als einen „Schauspieler-Regisseur“. Vielleicht schlägt da Jannings‘ Onkel Emil durch, der als unwürdiger Greis neben Marlene Dietrich in dem Kinohit „Der blaue Engel“ unsterblich wurde. Jannings lässt seine Schauspieler, die ihn dafür lieben, nicht Texte vorm Mikrofon aufsagen, sondern mit körperlichem Einsatz spielen. Im Hörspiel mit all seiner Selbstverliebtheit hat das inzwischen etwas Konservatives, ebenso wie die Stoffe, die Jannings aufgreift und in denen es meist um große Themen geht: Totalitarismus, der Ideenkampf des abgelaufenen Jahrhunderts, das Nazireich. Immer mit der Stoßrichtung, „Stachel im Fleisch“ zu sein und die Jetztzeit zu erklären. Nach dem Mauerfall zog es Jannings in die Ostwestdebatten hinein. Heute noch findet er bei Autoren und Dramaturgen der einstigen DDR etwas vor, das im Westen selten geworden sei: „Genauigkeit, Handwerk, utopisches Denken“. Und eine Eigenschaft, die er bei Heiner Müller, Christa Wolf, Volker Braun oder Christoph Hein – allen war und ist er freundschaftlich verbunden – besonders schätzt: „das Subversive“.

Auch wenn seine Inszenierungen weniger wurden, ein Stück pro Jahr ist immer noch drin. In Gesprächen gibt er sich gerne als Melancholiker. Doch er kommt aus einer Komödiantenfamilie, und da dauert es nie lange bis zum nächsten Lacher. Auf seinen Besetzungslisten finden wir Namen, die für den Glanz deutschen Bühnenlebens stehen. Doch am engsten („eine gute Ehe“) hat er mit George Tabori zusammengearbeitet. Auf zehn Arbeiten brachte er es da, fast alles Originalstoffe, denen erst später Theaterfassungen folgten. „Vor allem auch durch die Mitwirkung des Berliner Hörspielregisseurs Jörg Jannings“, urteilte die Jury der Akademie der Künste 1981 bei der Verleihung ihres großen Kunstpreises an den Theatermann Tabori, habe dieser „der Gattung Hörspiel entscheidende Impulse vermittelt“. So ist das mit dem Hörspiel: Meist bedarf es anderer Anlässe, daran zu erinnern, dass es noch lebt.

Deutschlandradio Kultur sendet am Sonntag um 18 Uhr 30 Uhr „Jannings“ von Christoph Hein in der Regie von Jörg Jannings.

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