Gedenken : Ein Tor zum Krieg und zur Freiheit

Eine Dokumentation streift Danzigs Geschichte. Neben alten Wochenschauaufnahmen, die ein anderes Danzig zeigen, als man es heute erleben kann, bleiben vor allem die Berichte einzelner Personen in Erinnerung.

Hans-Jörg Rother

Zweimal stand Danzig im vergangenen Jahrhundert im politischen Brennfeuer: am 1. September 1939, als die Schüsse der „Schleswig-Holstein“ auf die polnische Westernplatte den Zweiten Weltkrieg einleiteten, und im September 1980, als die unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc die Parteiführung zu einem Kompromiss zwang. Danzig, das seit 1945 Gdánsk heißt, lohnt einen historischen Rekurs, und Andrzej Klamt, ein aus Polen gebürtiger Regisseur, schien dem Sender 3sat genau der richtige Autor, um mit einer gedrängten Geschichtsstunde eine Themenwoche „Nie wieder Krieg?“ zu beginnen.

Warum richtete sich die Kriegswalze der Nazis zuerst ausgerechnet gegen die tapferen polnischen Verteidiger bei der seit Versailles von Deutschland abgetrennten Freien Stadt Danzig? Mit Blick auf die zu 95 Prozent deutsche Einwohnerschaft, die sich mit dem auferlegten Status nie abgefunden hatte, fällt die Antwort nicht schwer. „Der liebe Gott hätte keinen besseren Empfang haben können“, erinnert sich ein Zeitzeuge, der Hitlers triumphalen Einzug als kleiner Junge vom Dachboden miterlebte und am liebsten hinausgelaufen wäre, um „dem Führer“ die Hand zu schütteln. Und der Streik auf der Lenin-Werft? Der Kommentator rätselt über die explosive Mischung der Zuwanderer, die an Stelle der 1945 vollständig vertriebenen Deutschen die Stadt wiederaufgebaut hatten, mit den kaschubischen Querköpfen, zu deren Erben sich bekanntlich auch Günter Grass rechnet.

Neben alten Wochenschauaufnahmen, die ein anderes Danzig zeigen, als man es heute erleben kann (das deutsche Aussehen wurde durch vorgetäuschten holländischen Barock absichtlich getilgt, so der Schriftsteller Stefan Chwim), bleiben vor allem die Berichte einzelner Personen in Erinnerung, einer Polin zum Beispiel, die als Kind mit ansah, wie die jüdische Minderheit, noch vor der „Heimholung“ der Stadt ins Reich, in Viererreihen zum Bahnhof geführt wurde und eine Frau aus der Menge einen Juden bespuckte.

Und auch, wenn Grass von seinem kaschubischen Onkel erzählt, der zu den hingerichteten Verteidigern der polnischen Post gehörte, hört man gebannt zu, obwohl die Geschichte schon aus der „Blechtrommel“ bekannt ist. Deklarativ klingen dagegen die Worte Lech Walesas, der sich am postpräsidialen Schreibtisch noch einmal zum Sieg von 1980 gratuliert. Zum späteren Niedergang der Werft hält der Film ein kurzes Statement bereit.

Trotz der achtbaren Recherchebemühungen bleibt der Film eine recht trockene Geschichtsstunde. Es scheint nicht unbedingt Sache des Regisseurs, historische Entwicklungen in ein 45-minütiges Sendeformat zu zwingen. Und wie ist das Leben heute in Gdánsk? In seinem zweistündigen Film „Carpatia“ hat Andrzej Klamt 2004 bewiesen, was für ein wunderbarer Darsteller von Land und Leuten er sein kann. Hier fehlte ihm zu allem die Zeit. Doch wenn in einer alten Aufnahme einmal das scheinbar unbeschwerte Treiben am Strand von Sopot vor Kriegsbeginn auftaucht, wird der schwerlastige Film für Minuten ganz leicht.Hans-Jörg Rother

„Für Danzig sterben?", Montag, 3sat, 20 Uhr 15

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