Medien : Gedrucktes unter Druck

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Von Bernd Gäbler

Natürlich wird keine Zeitung mit weißen Flächen erscheinen, aber sage niemand, Werbeflaute, strukturelle Krise und die daraus resultierenden Sparmaßnahmen hätten keine Auswirkungen auf die Qualität der Printmedien. Zwar wird dort das Selbstbild vom inhaltsreichen Gegenpol zum schnellen und oberflächlichen Flimmern und Rauschen gerne gepflegt, aber das gegenwärtige Sparen beim Gedruckten gibt Anlass zur Sorge. Endlich darf der Fernsehliebhaber zurückwarnen, ja das helle Alarmglöckchen schlagen.

Erste Verluste sind anzuzeigen: „Die Woche“, Tiefdruck- und Magazin-Beilagen werden eingestellt, Seitenumfänge reduziert, frisch gestartete Wochenend-Lektüren nicht weiterentwickelt, Kleinzeitungen sterben, Redaktionen werden ausgedünnt, Neues wird gar nicht erst probiert. Noch am ehesten ist zu verkraften, dass jene Zeitschriften sich nicht halten, die schnell damit reich werden wollten, den Lesern zu versprechen, wie sie schnell reich werden könnten. Traurig dagegen ist der Tod der „Berliner Seiten“ der „FAZ“, selbst wenn diese häufig selbstbezüglich wirkten. Am erbärmlichen Zustand der Werbung scheitern nun ausgerechnet jene Chronisten der collagierten Weltbilder, die im Gewimmel von Aktien, Agenturen und Inszenierungen mitmachten, aber vor allem nach Stil und Haltung suchten. Schlimmer noch als der unmittelbare Verlust der Seiten ist das Signal: Ein Labor wird dichtgemacht, ein Tummelplatz des Ungewöhnlichen geschlossen. Auch in der Zeitungslandschaft rutscht nun das Dritte Programm ab in die Spezialsparte, werden Ornte nicht mehr als Zier, sondern als überflüssige Schnörkel begriffen.

Genuss aber und Leselust entstehen nicht im Reich des Notwendigen. Patrick Bahners, so ist zu hören, soll in der Redakteursversammlung der „FAZ“ ein Plädoyer für das Überflüssige gehalten haben. Er hat Recht. Eher in der Kür als in der Pflicht ist Schönheit zu Hause. Es gibt eine Welt jenseits des Nutzwertes. Wie viele absurde, aber eben deshalb auch wunderbare Artikel hat es gerade in den letzten Tagen allein zum Fußball gegeben. Einsparpotential? Manche Verleger wollen sich nun auf das Kerngeschäft konzentrieren. Das Kerngeschäft der Zeitung aber ist gewiss nicht die Nachrichtenübermittlung.

Zur Zeitung gehört die Anordnung, der Rhythmus, die Vielfalt von Handschriften und Genres. Neben dem Meldungs-Stakkato darf geplaudert werden, belehrt und reportiert. Auf Dauer macht es einen Unterschied, ob beispielsweise der Nachruf auf Alfred Dregger aus eigenem Erleben auf- oder von dpa abgeschrieben wird. Auch wenn in beiden Fällen die Spalte voll ist.

Ich habe keine Ahnung von Bullen und Mastvieh. Dennoch habe ich vor einiger Zeit einen langen Text über Viehzucht gelesen. Mit Gewinn und Vergnügen. Das lag an den Fotos. Sie haben gelockt – und geschrieben hatte ein Autor, dem diese Welt ebenfalls fremd war, der sie aber aufschloss, weil er selber aufgeschlossen war. Die Fotoreportage stand in „Geo". Wann habe ich zuletzt eine ähnliche Reportage in einer Zeitung oder Beilage gelesen? Dürfen Reporter heute noch zusammen mit Fotografen für mehrere Tage hinausziehen in die Welt? Oder ist das schon ein Fall für den Artenschutzbeauftragten? Zur Recherche ist ja ohnehin allenthalben zu wenig Zeit. Viele machen sich deswegen Sorge um den investigativen Journalismus. Der Treibstoff für die Skandal-Enthüllung, der Verrat oder freundlicher gesagt: die Insider-Information, wird so schnell nicht ausgehen. Wichtiger ist: Wie viel Welt, wie viel Erleben und Erfahren kommt noch in die schlanken Redaktionsstuben? Es geht auch so: ein Fetzchen Erlebnis, zwei, drei knappe O-Töne und viel Archivmaterial – fertig ist das Großporträt.

Jeder kennt solche Zwänge. Werden sie zur Regel? Auch das befördert die in der Politik beklagte Personalisierung. Aufwendiger ist es, Zusammenhänge herauszubekommen. Es wächst die relative Kraft von PR und Agenturen. Es wird zu wenig nachgedacht und zu viel abgeschrieben. Es braucht jede Parlamentsredaktion Schreiber, die auch Bücher lesen, die Gespräche führen und nicht nur Interviews, die sinnieren und nicht nur rasen. Nach gängigen Kriterien sind sie ineffektiv. Aber sie prägen Farbe und Tonlage ihres Blattes.

Wann kommt zum Beispiel der TV-Redakteur einer mittelgroßen Zeitung noch dazu, selber eine Kritik zu schreiben? Wie oft muss er stattdessen Programmhinweise aus Pressemitteilungen und Klappentext flott kompilieren? Absurd sind wohlmeinende Ratschläge an die Verleger, sie mögen doch aufs Geldverdienen vorläufig verzichten. Sinnvoll aber ist der Hinweis auf mögliche Widersprüche zwischen kurzfristiger Optimierung und langfristigen Verkaufsinteressen. Junge Leute lesen keine Zeitung mehr – prompt werden beim Sparen zuerst die jungen Journalisten entlassen. Weitsicht? Gedrucktes gibt es gewiss genug, aber wie viel Ungewöhnliches wird überleben? Dass sich so viele Zeitungen und Zeitschriften in der zwar nicht richtig guten, aber auch nicht richtig schlechten Mitte tummeln, sagt auch etwas über unser Land. Weil aller Sinn durch das Gitter der 26 Buchstaben muss, ist Lesen eine Basisfähigkeit und die Zeitung mehr als lediglich ein Medium unter anderen.

In Zeiten der großen Sparzwänge kommt es darauf an, die Kunst des Print-Journalismus nicht in routinierter Formatierung ersticken zu lassen. Das ist schon Hörfunk und Fernsehen nicht gut bekommen.

Der Autor ist Geschäftsführer des Adolf Grimme Instituts in Marl.

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