Medien : Gefährliche Recherche

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Russische Treibjagd – Das Ende einer Reporterin, ARD. Olga Kitowa ist eine kleine, zierliche Frau Mitte fünfzig. Sie arbeitet als Journalistin bei einer Zeitung in Belgorod, einer Stadt, in der es, jedenfalls nach Einschätzung des russischen Presseverbandes, um die Pressefreiheit momentan schlechter steht als zu Sowjetzeiten. Udo Lielischkies, seit zweieinhalb Jahren ARD-Korrespondent in Moskau, hat die Arbeit von Kitowa monatelang verfolgt. Ihm ist ein beeindruckendes Dokument der russischen Realität Anfang des 21. Jahrhunderts gelungen.

Er hat gezeigt, wie die kritische Journalistin, weil sie einen Justizskandal aufdeckt hat, von eben jener Justiz kaltblütig zum Schweigen gebracht wurde. Olga Kitowa hat nämlich in hartnäckigen Recherchen herausgefunden, dass der korrupte Gouverneur Sowtschenko Millionen veruntreut hatte. Als sie sich anschließend mit dem Fall einer angeblichen Vergewaltigung eines Studenten befasst, für die sechs seiner Kommilitonen mit je acht Jahren Straflager verurteilt werden, schlägt der Staatsapparat zu: Wegen „übler Nachrede“ und „Verbreitung von Lügen“ wird sie in Untersuchungshaft gesteckt. Der Journalistin wird der Vorschlag unterbreitet, das Verfahren einzustellen, wenn sie keine kritischen Artikel mehr über den Gouverneur schreibt. Sie lehnt ab und erhält zweieinhalb Jahre Haft auf Bewährung. Außerdem wird ihr das passive Wahlrecht für drei Jahre abgesprochen. Nach dem Urteilsspruch fehlen ihr die Worte, sie muss weinen und wendet sich von der Kamera ab – einer der stärksten Momente des Films. Aber sie will sich nicht einschüchtern lassen: „Ich werde bis zum Ende kämpfen.“ Dieser Mut fehlte den Programmverantwortlichen der ARD offenbar. Ein Film, der exemplarisch für die Stärken der öffentlich-rechtlichen Sender steht, wurde aus Quotengründen erst am späten Abend ausgestrahlt. Schade eigentlich. Jörg Rössner

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