Medien : Gefühlte Temperatur: minus 30 Grad

Kalte Nächte im Netz – „Der scharlachrote Engel“, ein bemerkenswerter „Polizeiruf“ aus München

Katrin Hillgruber

Die mitunter lästigen mobilen Rosenverkäufer dürften nach der Ausstrahlung dieses „Polizeirufs 110“ am späten Sonntagabend Umsatzeinbußen erleben. Denn in einem der wenigen nicht ganz so düsteren Momente in Dominik Grafs neuem Film wird eine ziemlich unappetitliche Methode zur Frischhaltung der symbolischsten aller Blumen gezeigt, praktiziert an einer Hauswand. Auch für Vegetarier mit Abneigung gegen Innereien und Katzenfreunde ist der für die Primetime ungewöhnlich brutale Fall nur bedingt zu empfehlen. Der bayerische Himmel pflegt tragische öffentliche Ereignisse wie die Todesfälle Franz Josef Strauß und jüngst Rudolph Moshammer mit lebhaften Wolkenszenerien zu begleiten: Sie legen den Eindruck nahe, dass Katholiken doch den direkteren Draht zum Jenseits haben. In „Der scharlachrote Engel“ aber dämmert die bayerische Landeshauptstadt in einem blaugrauen Einheitslicht dahin, das fast dickflüssig wirkt. Das erlösende Morgengrauen wird den Figuren und Zuschauern fast immer vorenthalten. Nur gegen Ende fällt im Gerichtsflur ein fahles Licht auf die Studentin Floriane „Flo“ Engelhart, die Nina Kunzendorf in ihrer forschen Unsicherheit höchst authentisch spielt. Rot ist ihr Kostüm, und es wirkt wie eine Chiffre des Lebendigen in einer künstlichen Welt, die allein vom Zwielicht der Flachbildschirme erhellt wird.

Flo, Jurastudentin im 17. Semester und im Nebenjob angeblich Stadtführerin, ruft spätnachts Kriminalhauptkommissar Tauber (Edgar Selge) zur Hilfe. Da hat er, somnambul und sarkastisch, gerade seine Armprothese abgenommen und bastelt an seinem Arbeitsplatz Wärterhäuschen für die Modelleisenbahn. Flo bezichtigt sich selbst, in ihrer Wohnung einen ihr als Will Gérard bekannten Einbrecher (Martin Feifel überrascht als tumbes Instinktwesen) angeschossen zu haben. Doch von dem aufdringlichen Verehrer fehlt jede Spur. Während sich Tauber der kühlen Laszivität der jungen Frau nicht entziehen kann, identifiziert seine Kollegin Jo Obermair (Michaela May) mit wachem weiblichen Instinkt auf dem Computerschirm ein Kameraauge: Flo arbeitet in Wahrheit als Stripperin für einen Internet-Dienst. Will Gérard ist einer ihrer Kunden, der die virtuelle Verheißung allzu wörtlich nahm – und weiter nimmt, was als permanente Drohung und schließlich als Tat das Geschehen bestimmt.

„Ist vielleicht mit der Unterscheidung von Internet und Wirklichkeit das Gros aller Internetbenutzer bereits jetzt überfordert? Mangelt es dem Vergewaltiger tatsächlich an ‚Medienkompetenz’, wie das die begleitende Funktionärslyrik zum Phänomen der geistigen Verarmung nennt?“, fragt Dominik Graf in einem Text zum Film mit dem Titel „Magma des Körpers“. Er beklagt darin die „intellektfeindliche Gegenreformation“, die mit dem Internet in Deutschland Einzug gehalten habe. Der Gegensatz kalt – warm, Computer und Körper, prägt den „Scharlachroten Engel“, dessen raffinierte Ironie es will, dass ausgerechnet der armamputierte Kommissar als physisch präsenteste und Geborgenheit vermittelnde Figur erscheint. „Sie sind ein Menschenfreund!“, spottet Flo, als er ihr ein Verhältnis mit einem verheirateten Anwalt zusagt: „Haben Sie den Weg zu ihm gesucht, falls der eheliche Kleinwagen ins Stottern kommt?“ Auch die Stripperin als professionelle Erzeugerin von Sehnsüchten verzehrt sich in sinnloser, unerreichbarer Liebe – der neunte Fall des exzellenten Kommissarduos Tauber/Obermair lebt von solchen Verschränkungen und Spiegelungen. Und von milder Blasphemie: „Schaun’s eh schon aus, als wärn’s zu lang am Kreuz g’hängt“, begrüßt Frau Obermair ihren Kollegen nach dessen einsamer Nacht im Chatroom.

Will Gérard wird gefasst und kommt vor Gericht. Dort fällt ein überdrehtes Frauengremium ein folgenreiches Fehlurteil: Freispruch. Spätestens hier entgleitet die Handlung ins Unwahrscheinliche, und es erweist sich, dass „Der scharlachrote Engel“ mit seiner gefühlten Temperatur von minus 30 Grad nicht an den legendären BR-„Tatort“ „Frau Bu lacht“ von 1995 heranreicht. Auch damals führte Dominik Graf bei einem Drehbuch von Günter Schütter Regie; das Ergebnis fiel ebenso gesellschaftskritisch (Menschenhandel mit Asiatinnen und deren Kindern) wie ästhetisch brillant aus. Zwar kann man sich in diesem „Polizeiruf 110“ ebenfalls kaum an der ungewohnten Anmutung des trostlosen, abweisenden Münchens bei Nacht sattsehen, doch ist Grafs pädagogische Absicht allzu deutlich erkennbar. Wie schon in einigen Szenen aus seinem hochgelobten Berliner Zuhälter-Epos „Hotte im Paradies“ erscheint die exzessive Darstellung von Gewalt als Selbstzweck. Die Jugendschutzbehörde, freut sich der Bayerische Rundfunk, habe den blutigen „Scharlachroten Engel“ passieren lassen: ein echtes Lehrstück, eine schauderhafte Moritat für Internet-Süchtige.

„Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel“: ARD, 20 Uhr 15

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