Medien : Gefühlter Quark

Thomas Eckert

Olympia – Emotionen ohne Ende. Begeisterung. Freude. Spontaneität. Ausgelassenheit. Da geht die Post ab. Ist doch so. Oder? Monica Lierhaus sitzt im ARD-Studio in Athen. Ruhig. Beherrscht. Gefasst wie eine griechische Säule. Gerade ist Hannah Stockbauer im Halbfinale über 800 Meter Sechste geworden, die Reporter können es noch gar nicht fassen. Lierhaus, die Schöne, sagt uns zuerst die kommenden Läufe der Schwimmer an. Und dann: „Ab elf Uhr Schießen auf die laufende Scheibe. Da freuen wir uns drauf.“ Ach, hätte sie doch nur gesagt: „Wieder schönes Wetter heute. Da freuen wir uns drauf.“ Oder: „Heute Mittag wieder Salat mit Oliven und herrlich frischen Calamares. Da freuen wir uns drauf.“ Aber: „Schießen auf die laufende Scheibe“?

Sicher, mit den Emotionen ist das immer so eine Sache. Mal zu wenig, mal zu viel. Immer Kritik. Schwierige Sache. Trotzdem: Ohne geht es nicht. Aber bei den Spielen von Athen 2004 scheint irgendwie alles anders zu sein. Wo sind sie nur geblieben: die Gefühle, das Mitfühlen, ja, warum nicht, das Mitleiden? Als Hannah Stockbauer, gerade frisch dem Becken entstiegen, nach ihrem enttäuschenden sechsten Platz von Wilfried Mohren gefragt wird, wie das nun wieder passieren konnte, sagt die junge Frau: „Ich kam nicht aus dem Quark.“ Kann man so sagen, sicher. Aber nach viel Gefühl klingt das nicht, oder? Was sagte Franziska van Almsick, als sie über 200 Meter nur Fünfte geworden war: „Ich bin froh, dass es vorbei ist.“ Was sagte ihr Vater auf der Tribüne: „Ich bin froh, dass es vorbei ist.“ Was sagte die Mutter von Hannah Stockbauer nach dem Rennen ihrer Tochter: „Ich bin froh, dass ....“ Und die Schwimmerin selbst? Raten Sie doch mal. Treffer. Hannah Stockbauer sagte noch mehr. Zum Beispiel: „Guck mal, mein Badeanzug fällt gleich auseinander.“ Da war der Mohren so platt, dass ihm dazu gar nichts mehr einfiel. Ich nehme an, so viel Spontaneität und Emotion, das hat ihn einfach umgehauen. Hallo, Olympia! Ich bin auch ganz froh, dass es bald vorbei ist.

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