Medien : Gefunden bei Kirch

Ein Film mit Jean Gabin erlebt nach 60 Jahren seine Fernsehpremiere

Hendrik Feindt

Land und Kontinent habe Jean Gabin für Dreharbeiten in Übersee verlassen. Ob es wirklich Bedauern war, das Frankreichs führende Fachzeitschrift für Film und Kino in ihrer Meldung vom 15. Februar 1941 anklingen ließ? Jedenfalls lagen damals die Aufnahmen zu „Remorques“ („Schleppkähne“) noch auf dem Schneidetisch des Regisseurs. Es war der jüngste Jean-Gabin-Film, der schon vor dem Krieg begonnen und erst nach der vorübergehenden Einberufung seines Hauptdarstellers abgedreht wurde. Als der Film nach Monaten schließlich in die Kinos kam, wurde er nach kurzer Zeit bereits wieder abgesetzt – im Interesse der Behörden, sowohl der einheimischen als auch der Zensurorgane der deutschen Besatzer. Das lag offenbar nicht nur daran, dass die Handlung des im maritimen Milieu angesiedelten Films das Motiv der pflichtbewussten Festlandflucht angestimmt hatte. Erschwerend kam noch hinzu, dass das Drehbuch auf ein früheres Projekt der deutschen Ufa zurückging. Die Ufa hatte das Buch einst an Joseph Lucachevitch abgetreten, einem russischen nach Paris exilierten Produzenten jüdischer Herkunft.

Inwiefern sich das Filmschaffen in Frankreich mit den Jahren der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg veränderte, ist umstritten. Antworten auf diese Frage geben zwei Filme, die Jean Gabin in der Hauptrolle haben und im Wochenabstand auf Arte zu sehen sind: „Schleppkähne“ von Jean Grémillon von 1939/41 und – als deutsche Fernsehpremiere, entdeckt in der Konkursmasse des Kirch-Unternehmens – „Martin Roumagnac“ von 1946 in der Regie von Georges Lacombe. Scheinbar mühelos schließt in diesen Filmen der Nachkriegs-Gabin an sein Vorkriegsimage an. Er verkörpert den Mann aus dem Volk, der es mit unverbrüchlichem Arbeitsethos zu respektablen Positionen geschafft hat, ob zum Kapitän eines Hochseeschleppers an der bretonischen Westküste oder zu einem Bauunternehmer, dessen Name bereits an den südfranzösischen Aufsteigerehrgeiz aus den Romanen Daudets und Balzacs erinnert.

Nicht ganz so gewichtig scheinen die Rollen der Frauen, so prominent sie auch besetzt sind (in „Schleppkähne“ ist es Michèle Morgan, die damalige Gabin-Geliebte Marlene Dietrich dann nach dem Krieg in „Martin Roumagnac“). Sie tauchen in beiden Filmen plötzlich auf, um nach Einsicht in die von Gabin gespielten komplexen Persönlichkeiten ebenso plötzlich wieder zu verschwinden.

Und dennoch hat sich – mit dem Krieg – etwas radikal verändert. Am Ende lässt sich, geradezu symbolisch, die Titelfigur von „Martin Roumagnac“ wissentlich niederschießen. In dem späteren Film ist nichts von der Armseligkeit des Lebens, jener „triste petite vie“, wie es in „Remorques“ einmal heißt, in die sich die Figuren ergeben. Da ist nichts von der Maschinenästhetik der klassischen Avantgarde, die dort, in nächtliches Schwarz getaucht, die Grenzen der Wiedergabe auf dem Fernsehschirm deutlich macht. Und nichts von einer musikalischen Tonspur, die Schiffskatastrophen operngleich orchestriert und bereits 1941, eindringlich und eigenständig zum Bild, einen liturgischen Abgesang intoniert.

„Schleppkähne“, Arte, Donnerstag, 20 Uhr 50 und „Martin Roumagnac“, 25. August, 20 Uhr 50, TV-Premiere.

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