Medien : „Gegen jeden Widerstand“

Christoph Dichand will die „Krone“ gegen den Willen der WAZ

Ulrike Simon

Der Streit zwischen dem Wiener Verleger Hans Dichand und der Essener WAZ-Gruppe nimmt immer kuriosere Züge an. Am Donnerstag trafen sich die beiden Kontrahenten und (mit jeweils 50 Prozent) Eigentümer der österreichischen „Kronen-Zeitung“ in Wien. Es geht um die Neubesetzung der „Krone“- Chefredaktion. Hans Dichand ist Miteigentümer, Hauptgeschäftsführer, Herausgeber und Noch-Chefredakteur des Blattes. Und er glaubt sich im Recht, die Leitung der Redaktion seinem Sohn Christoph vererben zu können – auch ohne Einverständnis der WAZ. Die Essener bezeichnen den Sohn als „Jurist, nicht Journalist“, er habe „keine Praxis, kein Talent“. Seit einer Woche tobt der öffentlich ausgetragene Streit zwischen dem fast 82-jährigen Hans Dichand und dem 71- jährigen WAZ-Geschäftsführer Erich Schumann.

Während die WAZ das Vertrauen und den Gesellschaftervertrag gebrochen sieht und juristisch gegen Dichand vorgeht, wehrt sich Dichand publizistisch. Als Plattform dient ihm die „Krone“. Am Mittwoch wurde dort der Wiener Bürgermeister Michael Häupl auf Seite eins zitiert („Die größte Zeitung Österreichs muss in österreichischer Hand bleiben“) und damit in Stellung gegen die WAZ gebracht. Am Donnerstag gab es den Nachschlag. „Dr. Christoph Dichand, ab 1. Februar Chefredakteur“, stand im Blatt, ganz so, als sei das eine unbestrittene Tatsache. Dazu gab es erstmals ein offizielles Foto von dem 37-Jährigen. In einem Interview sagte er, er werde den Posten „gegen jeden Widerstand antreten“, er könne „dem Druck aus Deutschland widerstehen“ und habe „die volle Unterstützung meiner gesamten Redaktion“.

Indem Hans Dichand die „Krone“ gegen die WAZ instrumentalisiert, düpiert er den Mitgesellschafter zum wiederholten Mal, noch dazu an dem Tag, an dem sich die beiden Gegner zum klärenden Gespräch treffen sollten. Damit nicht genug: Fünf von sieben Leserbriefen in der Donnerstagausgabe der „Krone“ beschäftigten sich ebenfalls mit dem Streit. „Wir, die ,Krone‘-Leser, sehen nämlich nicht ein, weshalb Ihr Sohn als Nachfolger für die Aufgabe als Chefredakteur nicht geeignet sein soll, nur weil sich das ein paar inkompetente Mitinhaber einbilden“, steht da. In einem anderen Brief heißt es: „Ich finde es toll, dass Sie sich nicht von diversen deutschen Rädelsführern und Möchtegernchefs unterkriegen lassen!“. Und: „Wie überall, glauben die Deutschen wieder einmal, sie können machen, was sie wollen.“

Was von Dichand und der Zeitung als Krieg der Nationen dargestellt wird, sieht die WAZ ganz anders. Dem Wiener Bürgermeister schrieb Schumann, es gehe nicht darum, die Chefredaktion der „Krone“ „für uns oder irgendeinen Deutschen, sondern für die besten österreichischen Journalisten zu reklamieren“, und schob die Frage nach, ob die WAZ etwa enteignet werden solle, um einem Österreicher Platz zu machen? Über Hans Dichand sagte Schumann: „Wenn er als Chefredakteur geht, muss er auch als Geschäftsführer und Herausgeber gehen.“ Die WAZ will den Patriarchen loswerden, auch um dessen Anspruch auf rund zehn Millionen Euro Vorausgewinn pro Jahr nicht erfüllen zu müssen. Nach Angaben des Wiener Nachrichtenmagazins „Format“ brach der Gewinn 2002 von 65 auf 29 Millionen Euro ein, 2003 dürfte der Gewinn erneut sinken.

Ob sich die gegnerischen Parteien auf einen Kompromiss einigen konnten, nach dem Christoph Dichand zumindest nicht allein die Chefredaktion übernimmt, sondern leitende „Krone“-Redakteure aufsteigen, stand bis Donnerstagabend nicht fest. Ulrike Simon

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