Medien : Gehäkelte Klischees

„Wie krieg ich meine Mutter groß?“: Komödie mit Katja Flint

Simone Schellhammer

Sie lässt sich von ihren zwei Kindern, die von zwei unterschiedlichen Männern stammen, nicht mit „Mutter", sondern mit ihrem selbst ausgedachten Vornamen „Ginger“ anreden. Sie wohnt und kellnert im Hamburger Karoviertel, trägt lustige Häkelkleider, gönnt sich ab und zu einen Liebhaber und achtet ansonsten darauf, dass sich kein bürgerliches Familienleben in ihre unaufgeräumte Altbauwohnung schleicht. Katja Flint (38) spielt die hilflos-ignorante Ginger mit viel Sexappeal und noch mehr Lust am Zickigsein, erstickt jedoch fast an all den Klischees, die das Drehbuch von Maria Solrun versammelt.

In der Kneipe, in der die flippige Szenefrau arbeitet, wimmelt es nur so vor schrillen, aber liebenswerten Gestalten: Da ist die Besitzerin Ines (Christine Harbort), eine kahlrasierte alte Dame als Oma-Ersatz, die hübsche Lesbe Lotta (Sólveig Arnarsdóttir) und der Koch Hans (Matthias Brandt), Gingers bester und ältester (Ex-)Freund, der dem Alkohol abgeschworen hat und für ihre Kinder die wichtigste männliche Bezugsperson darstellt. Überhaupt, die Kinder: Der kleine dunkelhäutige Max (Pascal Bertram) ist ein Ausbund an Niedlichkeit und Schlagfertigkeit, während die 14-jährige Tochter Nico (Caroline Erikson) still unter ihrer egozentrischen Teenager-Mutter und den Erschütterungen der eigenen Pubertät leidet – bis sie eines Tages unvermittelt den Aufstand probt und ein normales Leben einfordert. Die Eskalation der Mutter-Tochter-Beziehung findet auf dem Hintergrund des biederen Tanzstundenmilieus statt. Ausgerechnet ein kolumbianischer Tango-Titan (Pasquale Aleardi), für den Nico schwärmt, buhlt auf das Romantischste um Ginger, was die Tochter zur Verzweiflung und die Mutter an die Nähmaschine treibt. Als Großtat der Reue überwindet sie nämlich ihre Abscheu gegen Handarbeiten und näht ein Kleid für Nicos Abschlussball.

Zwischen all den Platitüden von spießigen Hanseatinnen und schrägen Vögeln misslingt jedes echte Gefühl. Alle Probleme werden heiter verkitscht aus Furcht, die vergnügliche Fernsehunterhaltung zu stören. Die Wandlung, die Ginger durchläuft, bleibt Behauptung. Eigentlich gehört Regisseur Stephan Wagner zu den hoffnungsvollen Filmemachern in Deutschland. Mit der Tragikomödie „Dienstreise - Was für eine Nacht" hat er dieses Jahr sogar beste Aussichten auf einen Grimme-Preis. Da gelingt etwas, worum sich „Wie krieg ich meine Mutter groß?" nur mit hübschen Details bemüht: Ein turbulenter Plot, der viel Raum für amüsante Milieustudien bietet.

„Wie krieg ich meine Mutter groß?“: ARD, um 20 Uhr 15

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