Medien : Geheimes Ritual

Auch Anne Will löst den Bahn-Tarifstreit nicht

Carsten Brönstrup

Was hat das Fernsehen nicht alles schon live übertragen – Geburten, Tode, Streits, Versöhnungen oder die Mondlandung. Am Sonntagabend fand endlich auch eines der geheimnisvollsten Rituale den Weg in die Wohnzimmer: die Tarifverhandlung. Die Protagonisten im Bahn-Tarifstreit, Personalvorstand Margret Suckale und Lokführer-Chef Manfred Schell, setzten ihren seit Monaten schwelenden Dissens in Anne Wills Talkshow fort. Ihr Konflikt ist so festgefahren, dass sie nur noch über- statt miteinander reden. Nun also der Showdown im Fernsehstudio. „Die Nerven liegen blank“, hatte die Redaktion die Sendung betitelt. Mit dem ersten Wortgefecht zwischen Schell und Suckale geriet die Managerin gleich in Bedrängnis. Milde lächelnd gestand Schell zu, dass deutliche Abschläge gegenüber seiner Forderung auch in Ordnung wären.

Anne Wills Dilemma war, dass die Finessen des Tarifgeschäfts nicht unbedingt Stoff für ein Millionenpublikum sind. Suckale und Schell hauten sich, wie zu befürchten war, denn auch endlose Zahlenreihen um die Ohren. Die Höhe des Lokführer-Gehalts, der Managerbezüge und die Zahl der Überstunden verschlangen wertvolle Sendeminuten. Auch die komplizierte Gefechtslage mit drei verfeindeten Bahn-Gewerkschaften wurde lange besichtigt. Dabei hätte man doch viel lieber erfahren, wie die Widersacher den quälenden Streit zu lösen gedenken.

Dass es nicht zu Nettigkeiten kam, liegt auch an den handelnden Charakteren: Suckale, die smarte, rhetorisch bestens geschulte Hamburgerin, reihte kühl ein Argument an das andere. Schell, der Rheinländer mit dem aufbrausenden Gemüt, bediente sich zumeist polternder Gewerkschaftsvokabeln. Der 64-Jährige ließ dabei immer wieder durchblicken, dass er Suckale, die einzige Frau im deutschen Top-Management, nicht ganz ernst nimmt.

Auch die Moderatorin verlor sich zu oft in Details, entlockte ihren Gästen sattsam bekannte Positionen und schaffte es zu wenig, sie zu neuen Lösungen zu bringen. Nur Martin Kannegiesser vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall hatte Ideen. Bei einem Streit dieser Vehemenz „muss ja mehr dahinter stecken“, mutmaßte er. Leider ging niemand darauf ein. Dass es ausgerechnet live im Fernsehen zur Einigung kommen würde, war nicht zu erwarten. Am Ende bleibt den Parteien nur, ihren Streit wie gewohnt am Verhandlungstisch zu lösen. Carsten Brönstrup

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