Medien : Gemein, chic, nervös

„Der Fall Vera Brühne“: Corinna Harfouch glänzt in der neuen Filmversion

Barbara Sichtermann

Gleich vorweg: „Der Fall Vera Brühne“ ist ein Klasse-Film. Die Urfassung stammt aus dem Jahr 2001, wurde von Constantin-Film produziert und auf Sat 1 in zwei Folgen à zweieinhalb Stunden ausgestrahlt. Das war viel Holz, und für alle diejenigen Zuschauer, die nicht cineastisch oder zeitgeschichtlich speziell interessiert oder Fans der großartigen Brühne-Darstellerin Corinna Harfouch waren, einfach eine zu große Strecke Lebenszeit, um sie dem Fernsehen zu schenken. Also war es eine gute Idee des NDR und des Produzenten Bernd Eichinger, den Film aus dem Archiv zu holen und auf zwei Folgen à neunzig Minuten einzudampfen, um ihn noch einmal und zwar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu zeigen. Zumal Autor und Regisseur Hark Bohm (der auch in einer Nebenrolle auftritt) sehr einverstanden war.

Als ein Stück Chronik der jungen Bundesrepublik und als Krimi mit der klassischen Theatralik der Gerichtsverhandlung ist „Vera Brühne“ spannend von der ersten bis zur letzten Einstellung. Auch wer die Details nicht kennt, weiß meistens: Hier wird eine Frau aufgrund fragwürdiger Indizien, letztlich ohne klaren Beweis, über einen ganzen Berg begründeter Zweifel hinweg, des Mordes für schuldig befunden und achtzehn Jahre lang weggesperrt – weil das große Publikum es so wollte. Denn diese Vera Brühne war schön und amoralisch. Und weil es womöglich der Bundesnachrichtendienst so wollte. Er war in den Fall verwickelt und könnte eigene Gründe gehabt haben, das Opfer aus dem Weg zu räumen, einen Arzt und Geschäftsmann, der an der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik zu verdienen versuchte.

Die neue Fassung hat nur noch ein einziges Zentrum: Vera Brühne. Alles, was nicht zur Entwicklung dieser Figur und ihres Schicksals gehört, wurde rausgeschnitten. Eichinger bezeichnet den Inhalt des neuen verschlankten Films als „Hexenprozess“. Und in der Tat, die Frau auf der Anklagebank ist womöglich schuldig der Kuppelei, der Gelegenheitsprostitution und des Diebstahls und deshalb, so schloss man im Jahr 1962, auch gleich des Mordes. Die Gründermentalität jener Jahre, die Habgier und Verantwortungslosigkeit der Glücksritter, die Eleganz und Lasterhaftigkeit der zu ihnen gehörenden Frauen, schließlich Neid und Bitterkeit der spießigen Mehrheit – all diese Faktoren bringt der Film reizvoll und überzeugend ins Bild und lässt sie dramatisch miteinander reagieren. Im Mittelpunkt glänzt Corinna Harfouch als Brühne, eine starke Persönlichkeit, egoistisch, gemein, chic und nervös. Durch sie und mit ihr bestraft das Wirtschaftswunder-Deutschland seinen eigenen schlechten Charakter: seine Skrupellosigkeit und seinen Materialismus.

Hark Bohm bezeichnet den neuen Brühne-Film als Wunder. Es wird ja häufig nichts daraus, wenn man ein bereits abgeschlossenes Werk ummodelt. Hier kann man sagen: Der neue Film, insbesondere der zweite Teil, fasziniert noch stärker. Der erste Teil, der sich auf die Tat selbst und die Ermittlungen konzentriert, verlangt eine Extraportion Geduld, da all die Einzelheiten rund um Frau Brühnes Alibi zu kleinteilig und banal sind, als dass der verwöhnte Fernsehzuschauer von heute allzu lange bei ihnen verweilen möchte. Es sind dann Harfouchs Lächeln, ihr Nesteln an Halstuch und Handtasche, ihr Seufzen und Augenrollen, ihre bezaubernde Unsicherheit trotz der Magie ihrer Erscheinung, die zu solcher Geduld bewegen.

Im zweiten Teil hat Bohm das Drehbuch anhand der Originalgerichsprotokolle konstruieren können. Das ist ihm ausgezeichnet gelungen. Die Diktion jener Zeit, ihr bürokratisches Pathos, ihre Verlogenheit, ihr Selbsthass – all das kommt erbarmungslos zum Ausdruck. Der Schauspieler Ulrich Noethen liefert als Staatsanwalt eine Glanzleistung ab. Wie er schaut, intoniert und geifert – das ist und war die personifizierte Selbstgerechtigkeit, die eine gefallene Frau wie Brühne – die zu ihrem Unglück zwischen die Mühlen der Justiz gefallen ist – zugleich besitzen und zerstören will. Man vergisst sogar ob dieser brillanten Verdichtung von historischem Zeitgeist, sich über die Dauer-Spannungsmusik zu ärgern, die die interessanten Dialoge übertönt. Der neue „Fall Vera Brühne“ ist ein guter Beleg für das alte Oxymoron, dass weniger manchmal mehr ist.

„Der Fall Vera Brühne“, Arte, 21 Uhr, Teil 1 und 2; ARD, 21. März, 21 Uhr 45, Teil1; 22. März, 22 Uhr, Teil 2

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