Medien : Gemeinsam auf der Couch

Gottschalk und die Vorweihnachtszeit: Fünf Thesen, warum „Wetten, dass..?“ noch immer so gut funktioniert

Markus Ehrenberg

In zweieinhalb Stunden kann man samstagabends daheim viele sinnvolle Dinge tun. Ein paar Gesänge in Homers „Odyssee“ lesen, die Zimmer aufräumen, gemeinsam kochen. Oder „Wetten, dass..?“ schauen. 12,8 Millionen Zuschauer haben das jetzt wieder getan. Die letzte Ausgabe vor Weihnachten ist immer etwas Besonderes. Die Stimmung, die Gäste, die Wetten, die Quote. Grund genug, in fünf Thesen festzuhalten, warum Europas größte Unterhaltungssendung auch beim 159. Mal immer noch funktioniert.

These 1: Thomas Gottschalk ist der beste Moderator. Für Gottschalk war es in Düsseldorf die 111. „Wetten, dass..?-Sendung. 111 Mal hätte es zumindest kein anderer besser geschafft, mit Gästen wie Robbie Williams oder Ben Kingsley Jung und Alt gleichermaßen vorm Fernseher zu versammeln. Fast jeder zweite deutsche TV-Haushalt hatte eingeschaltet. Du guckst „Wetten, dass..?“ Du bist Deutschland. Du bist 12,8 Millionen. Das packt in Deutschlands nur noch Günther Jauch, kein Thadeusz, Pocher, Raab. Der ewige Gottschalk, eine Art Generationenvertrag – solange ihn ZDF-Intendant Markus Schächter nicht für jeden größeren Show-Blödsinn im Zweiten einbindet.

These 2: Interviews gibt es woanders. Stimmt. Auch Witze. Beispiele: Gottschalks Eröffnungsgag zur WM-Auslosung („Ich freue mich auf das Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa-Rica. Auf der einen Seite eine Bananenrepublik und auf der anderen Seite Costa-Rica.“) und der Versuch eines Gesprächs mit Ben Kingsley („Sie sind so ernst im Kino. Können Sie privat anders sein?“). Macht alles nichts, solange es Gottschalk hinkriegt, Stars wie Robbie Williams oder 50 Cent ins deutsche Fernsehen zu holen. Der berüchtigte Gangsta-Rapper hatte sich von Gottschalk in Las Vegas zum Kommen überreden lassen. Dealer, Rapper, Millionär, das klingt spannend, aber erfährt man etwas von 50 Cents Knast- und Drogenvergangenheit? Nein. Wer sich des Unterhaltungsmediums Fernsehens und der Talks darin als sinnstiftender Elemente annimmt, hat eh oft verloren. Vor allem bei Gottschalk.

These 3: „Wetten, dass..?“ bringt die meisten Stars. Was ist das überhaupt, ein Star? „Eine Person, die durch ihre körperliche Präsenz, ihre Gestik, Mimik und Leistung nicht nur eine Rolle glaubhaft verkörpern kann, sondern auch noch ein Publikum zu faszinieren und auf seine Person zu fixieren weiß“, so beschreiben es die Medienforscher Faulstich/Korte. Ist Verona Pooth ein Star? Das mit der Leistung wäre im Falle der Stadtwettpatin ziemlich problematisch, zudem es Pooth nicht schaffte, 250 Karaoke singende Japaner auf den Düsseldorfer Burgplatz zu bringen. Mehr Klarheit gibt es mithilfe der Internet-Suchmaschine „Google“. Man braucht nur die Namen der Gäste einzugeben und schauen, wie viele Website-Referenzen jemand hat: Robbie Williams (2 020 000 Treffer), 50 Cent (2 000 000), Atze Schröder (676 000), Kevin Kuranyi (197 000) und nicht zu vergessen ZDF-Star Thomas Gottschalk selber (478 000). Die Leute sind wichtig. Die kennt man. Die heimlichen Favoriten waren allerdings abwesend: Mozart (1 810 000 Google-Treffer), gespielt von Violinistin Anne-Sophie Mutter und der Sponsor des „WM-Insider“-Spiels, T-Mobile (2 780 000). Gottschalk und die Werbung, könnte man sagen.

These 4: Zuschauerwetten sind nur Pausenfüller. Bei allem Respekt vor dem Jungen, der mit Füßen 100 Stofftiere ertasten konnte und den Wettsiegern aus München, die mit Besen 100 Beatles-Titel spielten – die sich wiederholenden Bierkrügestemm-/Geschwindigkeits-Wetten der Zuschauer, einst Frank Elstners geniale Erfindung, stören nicht weiter. Zwischendurch sangen auf der Bühne „Wir sind Helden“ und kickten Kuranyi/Günter Netzer gegen Williams/50 Cent. Das war unterhaltsamer.

These 5: Man nimmt immer etwas mit. Diesmal: Es gibt wieder Weihnachtsfilme (Pilcher im ZDF, „Oliver Twist“ im Kino), Robbie Williams will 2006 einen strafferen Po, Eltern müssen vor Gangsta-Rappern keine Angst haben, und nach zweieinhalbstündiger Ansicht von Gottschalk, Atze Schröder, Netzer, Kuranyi nebeneinander auf der Couch die Erkenntnis, dass es um deutsche Männerfrisuren ziemlich schlecht bestellt ist.

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