Medien : Generation Pilz

„Polylux“ sucht den Zeitgeist künftig in Berlin

Till Frommann

Tita von Hardenberg hat eingeladen, und zur Begrüßung gab es erst einmal einen Steinpilz-Cappuccino. Außerdem standen auf der Karte: Tunfisch-Sashimi und Entenbrust – „gelackte“ Entenbrust.

Von Hardenberg wollte beim Menü die Neuausrichtung ihres Zeitgeistmagazins „Polylux“ vorstellen, das vom Image her an die Speisefolge erinnert: extravagant und etwas seltsam. Die Sendung zum Pilz-Cappuccino.

Von der heutigen Ausgabe an will „Polylux“ Berlin-Beobachter sein. Das bedeutet, dass der Themenschwerpunkt auf der Hauptstadt liegen wird – und das in der überregionalen ARD.

„Man kann über Berlin berichten, ohne regional zu sein“, sagt Moderatorin Tita von Hardenberg.

„Wir wollen nicht regional werden, aber Impulse aus Berlin aufgreifen“, sagt Petra Schmitz, die „Polylux“ redaktionell betreut.

Und Hartmann von der Tann, Chefredakteur der ARD, sagt: „In der Bibel steht: Der Geist weht, wo er will. Was in der Bibel steht, gilt auch für den Zeitgeist, und in Berlin weht dieser stärker als anderswo.“

So, so. Aber könnte es nicht sein, dass Nichtberliner diese Berlin-Berichterstattung nervig finden könnten? Immer nur Berlin. Was ist mit München, Mannheim, Magdeburg? „In Magdeburg sieht man wahrscheinlich lieber Berlin-Bashing“, sagt von Hardenberg und verweist auf die neue Rubrik „Berlin für Anfänger“, in der die Hauptstadt anscheinend nicht ganz so gut wegkommen wird.

Nichtsdestotrotz werden auch Trends aufgegriffen, die nicht aus Berlin kommen. Sondern beispielsweise aus Barcelona: Dort gibt es eine Kneipe, in der sich die Kundschaft einen kleinen Datenchip unter die Fingerkuppe spritzen lässt, um damit bezahlen zu können. Dort fährt man dann, trotz Berlin-Schwerpunkt, mit einem Kamerateam hin. „Da werden wir nicht faul“, sagt Petra Schmitz.

Alles neu also: eine thematisch neu ausgerichtete Sendung. Ein neues Studio-Design. Und eine neue Sendezeit: Ab jetzt immer mittwochs um 23 Uhr 45.

Das Magazin ist „unique“, sagt ARD-Chefredakteur von der Tann. Das gäbe es „sonst nicht noch mal“.

Ähnlichkeiten sind vermutlich rein zufällig: Im Zeitgeistmagazin „Polylux“ gibt es ab heute einen „bulgarischen Korrespondenten, der nirgendwo eingeladen ist, aber überall hingeht“ – so der Pressetext: in der ersten Sendung zu Empfängen von Stoiber und Wowereit. In England spielt seit Jahren Ali G. in seiner „Da Ali G. Show“ den kasachischen Reporter Borat, der das britische und das amerikanische Establishment unsicher macht.

Und noch etwas hat „Polylux“ mit dem verabreichten Essen gemeinsam: Die Sendung ist, genauso wie die Riesengarnele mit mediterranem Salat, weitestgehend leicht verdaulich. Zum Nachtisch gab es Mango-Chili-Crème-Brulée.

„Polylux“: ARD, 23 Uhr 45

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