• Georg Gafron im Gespräch: Der Medienmanager über Meinungsradio, Altkanzler Kohl und eine Weinstube in Oregon

Medien : Georg Gafron im Gespräch: Der Medienmanager über Meinungsradio, Altkanzler Kohl und eine Weinstube in Oregon

Wenn Georg Gafron uns vor zehn Jahren gesagt h&aum

Georg Gafron (46) ist Geschäftsführender Gesellschafter und Programmdirektor von Radio Hundert,6 sowie Geschäftsführer von TV Berlin. Bei der letzten Mediaanalyse (MA 2000) büßte seine Radiostation 30.000 Hörer in der Durchschnittsstunde ein.





Wenn Georg Gafron uns vor zehn Jahren gesagt hätte, dass der Verlust von 30.000 Hörern bei Hundert,6 "erwartet wurde und normal ist", dann hätten wir gesagt, der Georg Gafron ist nicht mehr normal.

Zehn Jahre zurück sind eben auch zehn Jahre. Die Verhältnisse von damals mit sehr viel weniger Radioprogrammen sind mit den heutigen überhaupt nicht mehr vergleichbar. Heute kann der Hörer über 30 Programme einschalten. Deshalb haben wir uns vor zwei Jahren entschlossen, ein völlig neues Produkt zu kreieren: ein Hundert,6-Programm mit 70 Prozent Wortanteil, ein Programm, das die Medienanstalt Berlin-Brandenburg in einer Studie als nur mit öffentlich-rechtlichen Programmen vergleichbar nennt. Zudem kann ich bei der heutigen Hörkultur nicht erwarten, dass ich Marktführer bin. Wenn ich eine Peepshow mache mit Damenboxen oben ohne, habe ich auch mehr Publikum als bei einer Buchlesung im Tagesspiegel.

Sie wollen das führende Nachrichtenradio sein, nennen sich aber "Hundert,6 - Das Berlin-Radio". Wäre das Prädikat "Privates Inforadio" nicht besser, um sich vom Image eines Spreefunks abzuheben?

Wieso? Das "Berlin-Radio" hat nichts mit Spreefunk zu tun, sondern das ist ein Anspruch: wir berichten eben am schnellsten, am intentivsten und am besten über die Stadt Berlin. Wahrscheinlich müssen wir aber unseren Anspruch noch konsequenter ausrichten.

Wir behaupten, Berlin verträgt keine drei Inforadios.

Doch, tut es. Wir unterscheiden uns aber auch: Hundert,6 ist auch ein Stück Meinungsradio.

Aber rechnen sie sich auch?

Wir kriegen unter Umständen nach den neusten Nutzerzahlen der Media-Analyse Radio ein Problem. Wir hatten jetzt gerade nach zwei Jahren Anlaufsituation den Break Even erreicht. Aber Sie wissen ja: Hundert,6 ist mit der Münchner Unternehmerfamilie Kirch zusammen, und diese Familie ist in guten Tagen und in weniger guten Tagen immer an unserer Seite. Leo Kirch und sein Sohn Thomas sind die großzügigsten, warmherzigsten und weitblickendsten Menschen, die ich kenne.

Sicherlich auch standhaft an Ihrer Seite, weil Sie Ihr Meinungsradio machen?

Der Tagesspiegel macht auch eine Meinungszeitung.

Meinungen zu haben, ist wohl etwas anderes als Meinung zu machen. Welche Meinung vertreten Sie?

Die richtige.

Eine bestimmte?

Aktuell vertreten wir folgende Meinung: Der Umgang mit Altbundeskanzler Helmut Kohl ist würdelos und schäbig.

Die Spender von Helmut Kohl zu nennen - das wäre doch eine Topstory für ein Berliner Nachrichtenradio.

Ich kenne die Spender von Herrn Dr. Kohl nicht. Er hat sein Ehrenwort gegeben, sie nicht zu nennen. Der Altbundeskanzler wird und darf das nicht aufgeben, denn das Ehrenwort ist das Einzige, was ihm noch geblieben ist. Ich halte es für ehrenrührig, sich da reinzumischen.

Was ist Ihre politische Mission?

Wir haben bestimmte Essentials. Das waren in den ersten zehn Jahren unseres Bestehens: die Deutsche Einheit, die Bindung zu den Alliierten und das Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft ...

... davon ist einiges abgearbeitet. Ist Georg Gafron schon im neuen Berlin angekommen?

Wir leben hier in einer Spaß- und Beliebigkeitskultur. Die Love Parade ist doch nur Ausdruck einer neuen Infantilität. Dazu wird dieses Land von einem Spaßkanzler regiert. Da müssen wir andere Werte journalistisch transportieren. Erstens die demokratischen Grundwerte. Dass 40 Prozent der Menschen in Ost-Berlin PDS wählen, ist nicht hinnehmbar, aber ebensowenig die Zunahme rechtsradikaler Strömungen unter Jugendlichen. Wir setzen uns zweitens ein für den Ausbau der europäischen Idee. Ich lege weiter großen Wert auf ein sehr gutes Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Schließlich: die Globalisierung ist Chance, nicht Gefahr für unsere Gesellschaft.

Nimmt man Ihre Hörerzahlen, dann gehen immer weniger Menschen ihren Weg mit.

Na, da ist beim Tagesspiegel wohl wieder mal der Wunsch der Vater des Gedanken. Immerhin informieren sich bei uns doppelt so viele Menschen wie beim öffentlich-rechtlichen Inforadio. Ist doch nicht schlecht, oder? Im übrigen machen wir seit drei Jahren keine Gewinnspiele mehr, wir kaufen keine Hörer wie die anderen Radios.

Wie bitter ist es für Georg Gafron, als Geschäftsführer eines defizitären Radiosenders und der defizitären Fernsehstation TV Berlin arbeiten zu müssen?

So ist das Leben eben. Wer keine Niederlagen erleiden kann, der kann auch Siege nicht richtig feiern.

Nach dem letzten Stand der Spekulationen wird die Kirch-Gruppe in Berlin eine Nachrichtenzentrale für ihre Hörfunk- und Fernsehsender aufbauen. Welche Rolle wollen Sie dabei spielen?

Es ist in der Diskussion, den gesamten Informationsbereich in Berlin anzusiedeln. Da spielt Hundert,6 natürlich eine wichtige Rolle. Es entspricht nicht unserem Verständnis von dualem System, dass die privaten Sender für die Blödelei zuständig sind und die öffentlich-rechtlichen für die Information. Das wird unsere Leitlinie sein. Geplant ist ein zweites Hundert,6 mit bundesweiter Satellitenverbreitung. Vorstellbar sind dabei regionale Fenster in den Ballungsräumen, in denen auch die regionalen Fernsehsender der Kirch-Gruppe arbeiten - also eine Vernetzung auf mehreren Ebenen. Wie sagt Dr. Kirch immer: "Die Phantasie von heute ist die Wirklichkeit von morgen."

Dann können Sie nie in Rente gehen?

Rente? Wie alt sind Sie denn, dass Sie überhaupt solche Gedanken haben. Als ich so alt war wie Sie, dachte ich, Rente ist ein Wort aus einer ausgestorbenen Sprache.

Kommt Ihnen die Berliner Republik nicht manchmal etwas fremd vor?

Deutschland hat keinen Grundkonsens, es ruht nicht in sich selbst. Deshalb wird hier ständig Entertainment veranstaltet. Wenn ein Radiosender nichts dabei findet, den Bundespräsidenten anzurufen und zu imitieren, und wenn Medien nichts dabei finden, historische Persönlichkeiten zu demontieren - wenn ein Land so mit sich selbst umgeht, dann weiß es nicht, was es tut.

Deutschland ist mir schon lange zu eng und miesepetrig geworden. Meinen Lebensabend werde ich hier nicht verbringen. Da mache ich lieber eine Weinstube in Oregon auf.

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